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Löwen und Bären PDF Drucken E-Mail
  
Montag, den 08. September 2008 um 15:12 Uhr

Eltern

Eltern

"Löwen und Bären sind leichter zu beherrschen!"
- Klage über die Leiden der Lehrer -

(nicht nur für Latein-/Deutsch-/Philosophie- oder Religionslehrer/innen)

Weil es nun mein Los ist, geraume Zeit diesem Beruf anzugehören und seine Leiden an mir zu erfahren, so sei es mir vergönnt, jetzt von den Leiden des Lehrers zu reden und ein Klagelied zu singen von dem allgemeinen Unglück unseres Standes. Tut es doch im Unglück gewissermaßen gut, ungehindert klagen zu können.

Sobald dem Lehrer der Knabe zum Unterricht und zur Aneignung humanistischer Bildung und Tüchtigkeit übergeben wird, übernimmt er ein hartes Geschäft, voll unglückseliger Mühe und Gefahr. Denn für literarischen Unterricht scheint dieser eher nicht reif zu sein, da ihn häusliche Schwäche verdorben und er das Böse nicht nur verstehen gelernt, sondern auch gekostet hat. Da bringt er denn nicht nur keine Liebe zum Studium mit, sondern eher grimmigen Haß, Mißachtung der Lehre und die schlimmsten Gewohnheiten. Und mit einem solchen Ungeheuer soll sich der Lehrer herumplagen.

Während des Unterrichts gehen die Gedanken des Knaben spazieren, und wenn es gut geht, muß man das gleiche sechshundertmal eindrillen, bis es in den widerwilligen Köpfen haftet. Man braucht aber nur wegzusehen, und sogleich ist das auch noch so oft Hergesagte verflogen. Soll das Gelernte wiedergegeben werden, dann wird der Lehrer völlig zum Narren gehalten. Denn es macht den Knaben in ihrem Ungehorsam besonders Spaß, sich etwas zu erlauben, was den Lehrer in Aufregung versetzt und ihm zu schaffen macht.

Sollte jemand ein Kamel tanzen oder einen Esel geigen lehren, sicher würde man es für ein ganz besonderes Unglück halten, eine so große Arbeit vergeblich leisten zu müssen. Und doch wäre das ,noch erträglicher, als unsere heutige Jugend zu unterrichten. Denn wenn man auch bei einem Kamel oder Esel nichts ausrichtet, sie vermehren doch nicht die Mühsal durch Ungezogenheit. Aber wenn uns diese unartigen Buben müde gehetzt haben, wie frech benehmen sie sich gegen uns! Da gibt es welche, die sich nicht scheuen, den Lehrer öffentlich zu beschimpfen und ihn durch Gebärden zu verhöhnen. Und solches Benehmen bringt man von zuhause in die Schule. Denn sie haben vorher die Eltern wenig respektvoller behandelt, als jetzt die Lehrer. Nach und nach werden solche üblen Gewohnheiten zur zweiten Natur und lassen sich nie mehr ausrotten.

Nie nimmt der Knabe ein Buch zur Hand, es sei denn, daß ihn der Lehrer dazu nötigt. Und wenn er es nimmt, dann schweifen Augen und Sinne in die Weite. Da bedarf es denn der Sporen, um an die Pflicht zu erinnern. Der Lehrer trägt etwas vor, da beschleicht den Weichling der Schlaf, und ungescheut schläft er auf beiden Ohren, während sich der Lehrer müde spricht. So erhält der Lehrer die neue Aufgabe, den Schüler wach zu halten. Da wird das Diktierte repetiert und der wach gemachte Jüngling soll aufpassen auf das, was vorkommt, aber Hippoklides kümmert sich um nichts, seine Gedanken sind fort in einer ganz anderen Welt, in der Kneipe, beim Würfelspiel, beim Treiben einer liederlichen Gesellschaft. Fern davon, sein Gedächtnis anzustrengen, meint er, jene bekannte Regel, welche bei den Griechen für die Gelage galt, "Ich hasse den Zechgenossen, der ein Gedächtnis hat", gelte für die Schule. Und tief eingeprägt, nicht in Erz, sondern in seinem Sinn, ist das Wort "Ich hasse den Schüler, der ein Gedächtnis hat".

Es ist eine unendliche Mühe, den Mund des Knaben zu bilden und an die lateinische Sprache zu gewöhnen. Während nun das Sprechen durch Übung ausgefeilt wird und dazu der Verkehr mit ausgebildeten Rednern besonders viel beiträgt, stoppeln sie in ihrer Nachlässigkeit jede Unterhaltung aus dem Nächstliegenden von der Muttersprache her zusammen. Lateinisch zu sprechen versucht man, als zu schwierig, nicht einmal, und den Verkehr mit denen, die es verstehen, meidet man, weil man sich nur unter seinesgleichen wohl fühlt.

Aber wieviel ist erst zu schlucken, wenn man den Fehler heilen will! Da muß man die Erregung verbergen und den Zorn niederkämpfen, durch Freundlichkeit dem Knaben aus der Verlegenheit helfen und ihn noch schmeichelnd zum Reden bringen.

Bis hierher war von dem die Rede, was wir bei dem Unterricht auszustehen haben; es bleibt noch ein viel schwierigerer Teil unseres Amtes übrig, die Sorge für Erziehung. Wieviel Schlimmes hat der Lehrer nicht hier zu erleben! Zunächst ist gerade diese Altersperiode von Natur aus besonders geneigt zum Bösen, und Plato hat gemeint, kein Tier sei schwerer zu behandeln als ein Knabe. Daher hat der Lehrer sich mit der Führung derjenigen, die zu Hause mit der größten Umsicht der Eltern zu Religion und guten Sitten angeleitet wurden, so zu plagen, daß er die Erfahrung macht, Löwen und Bären seien leichter zu beherrschen als diese.

Die meisten, die zur Schule geschickt werden, bringen so arge Sitten und so schlimme Gewohnheiten mit, daß sie ganz umgebildet werden müssen. Es ist aber schwieriger, das Ungehörige, das eingewurzelt ist, weg-, als das Richtige anzulehren. Man weiß, daß ein Musiker diejenigen nur gegen doppelte Bezahlung unterrichtet die sich schon unter anderen Lehrern üble Gewohnheiten angeeignet haben.

Nun kämpfen wir auch noch mit einer Jugend, die an sich sehr roh ist, zumal in Deutschland und unter einer verdorbenen Familiensitte. Ihr kennt sie ja, jene guten Eltern, von denen viele sich evangelisch nennen, und die, während in diesem alter die erste Sorge der religiösen Unterweisung dienen sollte, nicht einmal die heiligen Gebete, die Zehn Gebote etc. zuhause lehren, ja sehr viele leiten geradezu zur Verachtung der Religion an. Unser Jahrhundert ist so verderbt, dass man mit Recht sagen kann, jener Satiriker hat sich getäuscht, wenn er sagt: " Es gibt nichts, was die Nachwelt unseren Sitten hinzufügen könnte. Jegliches Laster erreichte den Gipfel."

Es läßt sich gar nicht beschreiben, welch großen Zuwachs aller Art die Schlechtigkeit erfahren hat. Die häusliche Zucht ist verschwunden, während sie in unserem Knabenalter doch noch einigermaßen vorhanden war. Mit großen Fleiß wurden zuhause die Elemente der Frömmigkeit eingeprägt. Jetzt ist es anders; man verlacht das Heilige, und man hält das für eine große Weisheit. Und weil die Gottesfurcht aus den Gemütern gewichen ist, verfällt man in alle möglichen Laster, die nur zu erwähnen mir unerfreulich ist. Daher muß man diejenigen, die in die Schule eintreten, in den allerersten Anfängen der Frömmigkeit unterweisen. Aber was wird das bei denen helfen, die schon mit gottlosen Ansichten angesteckt sind? Welche Mühe kostet es nur, zu erreichen, daß der Knabe bei seiner Aufgabe bleibt, ihn ans Haus zu fesseln und fernzuhalten von schlechter Gesellschaft, von der Kneipe, vom Spiel und Ähnlichem.

Habe ich die Arbeit des Lehrers besprochen, so wollen wir jetzt sehen, was er dafür an Lohn und Dank erhält. Hier nun ist die tragische Katastrophe. Vielleicht könnte man das Vorausgegangene für Scherz erklären gegenüber all dem Schlimmen, was noch folgt. Zunächst ist die Bezahlung so gering, daß ein Satiriker schreiben konnte: "Viele hat's schon gereut, den unfruchtbaren Katheder betreten zu haben." Mit Recht hat er von dem unfruchtbaren Lehrstuhl, gesprochen. Hätte mich das Schicksal zum Buchhändler gemacht - ihr kennt ja diese Art Leute, dann würde ich goldbeladen einhergehen, einem Satrapen gleich.

Vergleicht man alle Berufe des Lebens mit unserem, so wird die Summe der Übel nirgends so groß sein, ja ich wage die Behauptung: Wir sind von allen Sterblichen am übelsten daran, denn wir haben die härteste Arbeit, leben in kümmerlichen Verhältnissen und müssen uns noch

mit Verachtung behandeln lassen, nicht nur von unseren Schülern, auch von ihren Eltern, schließlich von denen, um die wir uns besondere Verdienste erworben haben. Da muß jemand doch eine gepanzerte Brust haben, wenn er unter solchen Umständen nicht Mitleid mit uns hat.

Ich möchte daher zum Schluß noch unsere Schüler ermahnen. Sie haben gehört, wessen ich sie beschuldigt, der Faulheit, der Verachtung des Wissens, der Vergnügungssucht und des Müßiggangs, der Undankbarkeit. Da sollen sie sich denn nun Mühe geben, sich zu bessern, damit unsere Mühe geringer werde, sie mit einem guten Zeugnis nach Hause zurückkehren und eine treffliche Ausrüstung mitnehmen, um den Familienbesitz zu wahren, sich Ansehen zu erwerben und dem Staat zu dienen. Wenn sie mit hohlen Köpfen zurückkommen, was ist die Folge? Weil sie nichts gelernt haben, kann man sie im Staat nicht brauchen, zu Hause fehlt ihnen jegliches Ansehen. Die Laster aber, die sie sich in ihrer Faulheit anerzogen haben, bleiben ihnen: sie sind Trinker, Lüstlinge, unehrlich, und in Stadt und Land verhaßt. Und ihrem Lebenswandel entspricht das Ende. Die einen fahren beim Gelage dahin, die andern vergeuden ihr Vermögen beim Spiel, wieder andere gehen durch liederlichen Lebenswandel zugrunde. Ich könnte eine Menge von Beispielen anführen, wenn es die Zeit erlaubte. Denn Gott straft die, die nach seinem Willen, (der Eltern Gebot ist Gottes Wille), lernen sollten, aber ihre Pflicht nicht erfüllten. Wohlverdienten Lehrern lohnten sie mit Undank, und es gibt keine Schandtat, durch die man Gott so beleidigt, als durch Undankbarkeit.

Gekürzte satirische Rede Philipp Melanchthons. 1533 (dtv, Nr. 2415)