KTG-Minden

Besuch 2008 in Grodno PDF Drucken E-Mail
  
Samstag, den 11. Oktober 2008 um 11:55 Uhr

KTG-Delegation besuchte die Partnerschule in Grodno

In den Herbstferien wurde eine langjährige Tradition in einer neu gewählten Jahreszeit fortgesetzt: Aufgrund der zentralen Abschlussprüfungen und der Lernstandserhebungen in NRW im Frühjahr besuchte eine Reisegruppe aus Eltern, Schülern und Lehrern die Partnerschule in Grodno zum ersten Mal im Herbst.

Die Reise verlief problemlos. „Die erste Grenze mit „richtigen Kontrollen" erlebten wir an dem polnisch-belarussischen Übergang. Hier erst merkt man, dass die EU-Außengrenze erreicht ist und wir in ein anderes Land fahren.", konnte Marie Kühme (KTG-Schülerin) später zuhause berichten.

Nach einer 22-stündigen Bahnfahrt warteten die Mindener erst einmal gespannt, in welcher Familie sie untergebracht werden: Ist es eine bekannte Familie oder sind es neue Gastgeber? Aber die Hauptsache war erst einmal ein Quartier, ein gutes Abendessen und ein Bett zum Ausschlafen. Nach dem guten Start in den Familien stand am nächsten Morgen der Besuch der Schule Nr. 15, die Begrüßung durch den Schulleiter Igor Derewjanko und der Empfang durch die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Grodno auf dem Programm. Dabei filmte sogar das Grodnoer Fernsehen und Peter Schröder, Lehrer an der KTG, gab sein erstes Interview in russischer Sprache. „Anscheinend sind wir ein lokales Ereignis!" freute sich Felix Großkreuz.

Nach diesen eher offiziellen Terminen präsentierte Valentina Radionenko (Lehrerin an der Schule Nr. 15), die den Besuch gemeinsam mit ihren Kolleginnen und der Mitarbeiterin des staatlichen Jugendverbandes, Swetlana Omeltschenko, vorbereitete, ein abwechslungsreiches Programm.

Lernen aus der Vergangenheit

In zwei Situationen wurden die Mindener Gruppe mit der deutsch-belarussischen Vergangenheit konfrontiert: Beim Besuch des schuleigenen Museums, das einem Soldaten, dem russischen General Karbychev gewidmet ist, erfuhren sie etwas über die Zeit des 2. Weltkrieges und den schrecklichen Erfahrungen mit Nazideutschland aus der Sicht der Belarussen.

Noch eindrucksvoller war die Begegnung mit Grigorij Hossid (85). In der Synagoge berichtete er als einer von zwei jetzt noch Lebenden von nur 150 Überlebenden des Weltkrieges. „Zu Beginn des Krieges hatte Grodno ungefähr 30.000 Einwohner jüdischen Glaubens." Durch die Schilderung der Erlebnisse von Grigorij Hossid, dem es an einigen Stellen sichtlich schwer fiel, seinen Vortrag fortzusetzen, wurde die Grausamkeit des Krieges allen Zuhörern deutlich. Auf die Frage, was heute zu tun sei, damit so etwas sich nicht wiederholt, forderte der Zeitzeuge:"Menschlichkeit! Jeder muss menschlich handeln!"

Leben in der Gegenwart

Durch die Gastgeberinnen, bei denen sich Natalia Schimanowitsch, Teresa Zeren, Janina Nowosad besonders engagierten, stand das gemeinsame Leben in den Familien im Mittelpunkt: „Die Versorgung ist in Ordnung und man kann viele Dinge hier kaufen, die es bei uns gibt. Allerdings kosten sie auch den gleichen Preis. Damit sind sie für viele Menschen mit einem Monatseinkommen von vielleicht 200 Dollar unerschwinglich!", stellte Almine Mirsujan, ehemalige KTG-Schülerin, fest.

Auf dem Programm standen auch die Besichtigung einer Eisfabrik und die Teilnahme am Unterricht in der Schule. „Schön ist das Lernen in den kleinen Gruppen. Mit 10 bis 12 Schülern kann man eine Fremdsprache gut lernen.", zeigte sich Klaus Lindemann ( KTG-Lehrer) von den kleinen Lerngruppen beeindruckt. Allerdings erfuhr man an dieser Stelle etwas von der geplanten Veränderung durch die Regierung: Die Spezialisierung auf die 1. Fremdsprache Deutsch soll in Zukunft an der Schule Nr. 15 nicht mehr möglich sein - nur noch an Gymnasien. „Es ist zu befürchten, dass darunter die Qualität des Unterrichts leidet. Aber vielleicht unterstützt uns das Goethe-Institut in Minsk bei unseren Bemühungen, weiterhin qualifiziert Kenntnisse in der deutschen Sprache zu vermitteln."

Natürlich lernten die Mindener das alte und das neue Grodno kennen: Die Altstadt, in der viele Häuser schon renoviert sind, und auch die neuen Stadtteile der 300.000 Einwohner zählenden Stadt am Njemen mit Einkaufzentren, Sporthallen und Basaren. „In den letzten Jahren hat sich hier vieles verändert: Neue Gebäude, Grünanlagen, Straßen, Brücken lassen die Stadt in einem besseren Licht als früher erscheinen.", meint Udo Kordas, der als Vater eines Schülers zu der Besuchergruppe gehörte.

In die Zukunft blicken

Als Vertreter der Mindener Gefis (Gesellschaft zur Förderung internationaler Städtepartnerschaften) reiste Eberhard Schrader mit der KTG-Gruppe nach Grodno. Er konnte neue Kontakte knüpfen und hofft auf eine Intensivierung der Kontakte. „Ich bin beeindruckt von der Gastfreundschaft der Grodnoer. Sie haben auch eine Vielzahl guter Ideen für den Austausch zwischen den beiden Städten. Da wird bei gutem Willen auf beiden Seiten sicherlich etwas Interessantes zustande kommen.", freut er sich.

Am Sonntag durften sich die Mindener in Grodno als Wahlbeobachter gleich zweier Wahlen fühlen: Parlamentswahl in Weißrussland und Landtagswahl - via Radio „Deutsche Welle" - in Bayern. Die Ergebnisse konnten nicht unterschiedlicher sein und man bekam einen politischen Anschauungsunterricht besonderer Art: In Weißrussland bekam die Opposition keinen einzigen Sitz im Parlament und in Bayern erlitt die Partei, die bisher immer mit absoluter Mehrheit regierte, große Verluste.

Den Abschluss bildete ein gemeinsames „Schaschlyki"-Essen aller Familien mit ihren Gast"kindern" in einem Freizeitpark. Alle waren sich einig: „Fünf Tage sind viel zu wenig. Das nächste Mal müsst ihr länger bleiben!", war das Fazit von Raissa Prochorova, der ehemaligen Schulleiterin der Schule Nr. 15. Sie ließ es sich als Mitbegründerin des Austausches nicht nehmen, am Programm teilzunehmen."Im kommenden Jahr wird der Austausch achtzehn Jahre alt und damit volljährig!", meinte sie scherzhaft. „ Da werden wir uns sehr anstrengen, um 2009 ein gutes Programm in Minden aufzustellen!" war sich die Mindener Gruppe auf der Rückfahrt einig.

Grigorij Hossid (5. v. links), Überlebender des 2. Weltkrieges und heutiger Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Grodno, sagte es beim Besuch den Mitgliedern der· Gruppe aus Mindenern und Grodnoern ganz eindringlich und schlicht: „Handelt menschlich, damit sich so etwas nicht wiederholt!"Grigorij Hossid (5. v. links), Überlebender des 2. Weltkrieges und heutiger Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Grodno, sagte es beim Besuch den Mitgliedern der· Gruppe aus Mindenern und Grodnoern ganz eindringlich und schlicht: „Handelt menschlich, damit sich so etwas nicht wiederholt!"

Aktualisiert ( Samstag, den 11. Oktober 2008 um 12:49 Uhr )