KTG-Minden

20 Jahre Schulpartnerschaft PDF Drucken E-Mail
  
Sonntag, den 04. Dezember 2011 um 12:40 Uhr

20 Jahre Schulpartnerschaft
Schule Nr. 15 in Grodno  –
Kurt-Tucholsky-Gesamtschule Minden

 

Um im Frieden zu leben

von Raissa Procherowa - ehemalige Schulleiterin der Schule Nr. 15, Jahrgang 1939

 

Die Zeit läuft unerbittlich vor und lässt hinter sich  Ereignisse und Daten. Viel davon vergisst man, Vieles speichert man ab. Aber unabhängig davon wie viele Jahren vergangen sind: Ein Datum für unser Volk wird nie vergessen und immer bestehen bleiben – das ist der 22. Juni 1941, der Beginn der Krieges zwischen Russland und Deutschland.

70 Jahre sind von diesem Tag vergangen, seitdem die tragische und heldenhafte Geschichte des „Großen Vaterländischen Krieges“, wie er bei uns genannt wird,  begann. Sie kostete unserem Volk viel: jeder dritte Bewohner der Republik Belarus ist umgekommen, 209 Städte, 9200 Dörfer sind zerstört worden, 350.000 Menschen wurden versklavt.   Ja, das Gedächtnis unseres Volkes bewahrt sowohl dieses Datum als auch diese Zahlen. Aber nicht, um jemandem Vorwürfe zu machen. Die Geschichte  vergisst nichts, sie lehrt. Auf die altertümlichsten Weise wird gesagt: «Wenn du die Vergangenheit vergisst, schießt die Vergangenheit auf dich in der Gegenwart». Deshalb muss man sich an Vergangenheit erinnern - sie verzeiht nicht.

War jener Krieg jemandes Fehler? Ja und nein. Ja, denn die Welt war anders: Unverständnis, Antagonismus, politische Ambitionen,  allgemeine politische Unwissenheit, von der Erziehung aufgepfropften Misstrauen und Feindschaft  herrschten damals.

Die moderne Welt heute ist etwas anders: Man hält sie nicht zufällig als zivilisiert - sie hat mehr Vernunft und Toleranz. Aber damit die Welt so wurde, mussten wir unsere Kinder, und Enkel anders großziehen. Für die Lehrer,  für die Schüler und ihre Eltern aus der Grodnoer Schule № 15 ist dieser zwanzigjährige Weg  der Partnerbeziehungen mit der Schule namens Kurt Tucholsky in Minden verbunden. Es scheint eine Kleinigkeit: die Schüler eines Landes treffen sich jedes Jahr mit den Schülern aus einem anderen Land. Sie sind Gäste, leben in den Familien und erleben ein gemeinsames Programm mit gemeinsamen Projekten in Schule und Freizeit. Sie lachen und feiern zusammen. Was hat es mit jenen Ereignissen zu tun, an die ich mich erinnert habe? Ja, die Kleinigkeiten im Leben kann man nicht bemerken. Braucht man darüber zu sprechen?

Es lohnt sich, weil es im Leben keine Kleinigkeiten gibt, alles hat seinen Wert: nichts entsteht und verschwindet spurlos. Im Laufe von 20 Jahren ist etwas Wunderliches geschehen – Veränderung  unseres Denkens und  Handelns. Während dieser Jahre hatten Kinder und Erwachsene so eine gute Möglichkeit, Kultur, Traditionen und Bräuche der beiden Länder kennenzulernen, wodurch besseres Verständnis und gegenseitiger Respekt gefördert wurden. Dies ist nicht nur der  Weg zum mehr Wissen, sondern führt auch zur Veränderung des Bewusstseins. Allmählich verschwand ein im Laufe von vielen  Jahren existierendes Bild des Feindes, schmolzen Misstrauen, Wachsamkeit, der Weg für  Freundlichkeit wurde frei. Es stellte sich heraus, dass sich die deutschen und weißrussischen Schüler und Erwachsene gleichermaßen füreinander interessieren, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Ja, wir sind in manchen Dingen unterschiedlich. Wir haben verschiedene, aber reiche Kulturen, verschiedene Sprachen, die man aber erlernen kann,  unterschiedliche, aber anständige Lebensweisen. Zwischen uns gibt es keinen Antagonismus, keine Verachtung füreinander, keine Überlegenheit. Wir alle sehen es!  Wir haben  ein gemeinsames, schwieriges historisches Erbe, über das wir sprechen müssen. Und das Wichtigste – den gemeinsamen Planeten Erde, der  sehr zerbrechlich und  verletzlich ist, trotz der Tatsache, dass er Millionen von Jahren existiert. In verschiedenen Ecken leben Völker, die das  Recht auf Anerkennung und Leben haben. Und die Zukunft unseres blauen Planeten hängt von der Zustimmung aller seiner Bewohner ab, ihres sorgfältigen und respektvollen Verhaltens zueinander. Diese Kristallkugel zu zerbrechen, ist sehr leicht, aber ob es leicht ist,  Scherben zu sammeln und die Kugel wieder aufzubauen?

Im Laufe von 20 Jahren der existierenden Partnerschaft hat sich nicht nur das Bewusstsein der älteren Generation verändert. Unsere Kinder werden Deutschland und seine Bewohner nie mehr  als  Feinde wahrnehmen. Wir haben sie anders erzogen. Und auf die Ereignisse vor 70 Jahren werden sie nicht aus der Position der Rache reagieren. Sie werden es als eine  Tatsache wahrnehmen, die Besinnung und Analyse erfordert, als Lernstoff, den  man begreifen muss, damit es in der Zukunft nicht wieder geschieht. Dafür ist die jetzige und sind die kommenden Generationen verantwortlich.

Ich sehe dies als die wichtigste Folge des 20. Jahrestages der Partnerschaft. Beide Seiten haben während dieser Zeitperiode Freunde gefunden. Und der Kreis der Freunde wächst vom Jahr zu Jahr. Und wenn sich Freunde an den Händen fassen, und mit diesem freundlichen Ring unsere irdische Kugel umfassen – dann bleibt sie heil. Und in dieser Welt werden und wollen wir weiter  leben.