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Thaddäus Troll: Gruß aus Gripsholm PDF Drucken E-Mail
  
Sonntag, den 04. Mai 2008 um 16:06 Uhr

Thaddäus Troll: Gruß aus Gripsholm

In Mariefred haben wir ihn besucht. Es war am 21. Juni, und um elf Uhr abends war es noch hell. Das Schloß Gripsholm mit seinen runden Türmen aus rotem Backstein sah aus, als bade es im Mälarsee. Wir dachten an seinen Satz: »Man besucht ja nur sich selber, wenn man die Toten besucht«, als wir an sein Grab gingen. »Alles Vergängliche ist nur Ein Gleichnis« stand unter dem Namen und den Daten auf der Platte, und dem schwedischen Steinmetzen war dabei noch ein Metzfehler unterlaufen.

Wir dachten daran, wie sehr er unserer Zeit, die so empfindlich gegen Kritik ist, als Wachhund der Freiheit fehlt. Wir standen an seinem Grab und verspürten ein Gefühl, das zwischen Zorn und Rührung lag. Wir fanden es zum Heulen, daß er das Regime nicht überlebt hat. Und dann fielen uns die Worte ein, die er in Schloß Gripsholm geschrieben hat, als er den Friedhof schilderte, auf dem er jetzt selber ruht: »Heul nicht - die Sache ist viel zu ernst zum Weinen!« Zwar ist er schon vor fast einem halben Jahrhundert gestorben: In dem kleinen schwedischen Städtchen Hindäs (Baedecker: »Hindäs, als Sommerfrische und Wintersportplatz besucht. Noch ein' Tunnel«) ist er am 21. Dezember 1935 freiwillig aus dem Leben gegangen. Und dennoch lebt er noch unter uns: in seinen Büchern, in seinen Satiren, die nach Jahrzehnten noch nicht stumpf geworden sind.

Woher kommt Kurt Tucholsky, der mit dem Bürgertum so scharf ins Zeug gegangen ist? Da gibt es ein Familienfoto, das aussieht, als habe er es selbst erfunden. Vor der Pappkulisse fröhlichen Badelebens in Misdroy protzen zwei mit Quasten und Troddeln behangene Sessel. Auf dem einen sitzt der Bankdirektor Tucholsky. Er trägt eine plutokratische Melone, einen ernsten Zwicker und jenen martialischen Schnurrbart in der Form eines zerlaufenden W, der unter Kaiser Wilhelm Symbol des Erreichttums wurde. Die Pfeife im Mund dokumentiert bürgerliche Behaglichkeit. Neben ihm die ernste, dezent gekleidete Oma, mit vielen Rüschen, die man rascheln hört. Dahinter in einem gemalten Boot die Kinder, am Ruder Kurt Tucholsky, ein hübscher Junge mit verträumten Augen, in denen wie in Knabenbildnissen der Romantiker Skepsis und Melancholie nisten.

Und dann sein Aufsatzheft. Schon mit sechzehn Jahren schreibt er in einer weiten, freigebigen Schrift: »Aufgabe des Menschen ist es, in einem heiteren Lebensgenuß, der in 'Leben und leben lassen' ausklingt, wunschlos glücklich zu sein.« Da haben wir es schon, was Kurt Tucholsky auszeichnet: Toleranz, Harmonie und Genußfähigkeit. Aber wie sehr hat die Umwelt diese Eigenschaften ge- und zerstört! Wie sehr haben ihn die Menschen, die er so geliebt und so gezüchtigt hat, enttäuscht! Der Lehrer, der das Deutsch des Schülers Tucholsky fast immer mit »Mangelhaft« zensiert, schreibt in einer verdorrten Schreibstubenschrift darunter, der Inhalt des Aufsatzes sei indiskutabel, doch müsse Kurt die Buchstaben, die zusammen ein Wort bilden, unbedingt miteinander verbinden.

Und dieser schlechte Schüler schrieb über zweitausend geschliffene Feuilletons. Er traf stets das richtige Bild, fand immer das trefflichste Wort und verstand es, die ernstesten Dinge mit heiterer Miene zu sagen. Er war der Star der Weltbühne, für die er unter seinem Namen und vier Pseudonymen - Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser - geschrieben hat. Er war ein besessener Arbeiter, ein Tüftler an seinem Stil. Er schrieb Chansons für die besten Kabarettisten, für Einst Busch, Gussi Holl, Trude Hesterberg und Kate Kühl. Das Unrecht in der Welt, die Zukunft Deutschlands brachten ihn auf. Er ist in allem, was er geschrieben hat, Kritiker, Polemiker, Satiriker, Kämpfer und Prophet. Hinter seiner Heiterkeit kauert die Melancholie, hinter seinem Witz die Verzweiflung. Er ist ein verschämter Poet, der seine Gefühle nur zu gern mit Ironie übertüncht.

Er lebte gegen seine Zeit und gegen seine Herkunft. Er liebte Deutschland und haßte es, weil die Saat, die er schon lange vor 1933 wachsen hörte, auf deutschem Boden gedieh. Er kam aus dem Großbürgertum und geißelte es mit bitteren Satiren. Er eiferte gegen die Juden, die 1930 von Hitler sagten: »Lassen Sie doch den Mann!« Er war Unteroffizier und glühender Pazifist. Er war Doktor beider Rechte und ritt die grimmigsten Attacken gegen die Justiz. Er war Berliner und emigrierte in eine schwedische Kleinstadt. Er war heimatloser Sozialist und verachtete Stalin, der »seine Leute verrät«. Er war Emigrant und haßte Emigranten, die »doitsche Kultur verkaufen«. Er gab sich salopp und kleidete sich elegant. Er wurde von seiner Umwelt in eine ständige verzweifelte Opposition gedrängt.

Er sah 1933 kommen. Er sagte es lange voraus. Er behielt recht, und er wollte gar nicht recht behalten. Er verließ Deutschland, um nicht Zeuge und Mitschuldiger dessen zu werden, was er kommen sah. 1932 verklagte ihn die Reichswehr wegen Beleidigung. Er wurde freigesprochen. Aber er war vom Ekel gepackt. Er schrieb nicht mehr. Er sah die Giftsaat aufgehen, und er trug von da an ein Gegengift bei sich. Er glaubte nicht daran, daß man das Regime in Deutschland überleben könne, und er wollte den Zeitpunkt selbst bestimmen, ohne Aufsehen aus dieser Welt verschwinden.

"Es geht mich nichts mehr an«, schrieb er 1933 verbittert aus Schweden. »Ich komme mir vor wie an den Strand gespült. « Es ging ihm wie einem Arzt, der nicht mehr praktizieren darf und der seine Patienten sterben sieht. »Ich bin ein aufgehörter Schriftsteller.« Als ihm die Schweden keinen Paß gaben, als er nicht mehr reisen konnte, als ihn nach fünf Operationen die Stirnhöhlenschmerzen wieder plagten, schrieb er einen letzten Brief an Arnold Zweig. Er klagte nicht die anderen, er klagte sich selbst an. Er sagte ein paar Sätze, die man jedem Deutschen ins Stammbuch schreiben möchte. »Nun ist mit eiserner Energie Selbsteinkehr am Platze. Nun muß auf die lächerliche Gefahr hin, dass er ausgebeutet wird, Selbstkritik vorgenommen werden, gegen die Schwefellauge Seifenwasser muß - ich auch! ich auch! gesagt werden: Das haben wir falsch gemacht und das - und hier haben wir versagt. Und nicht nur: Die andern haben sondern: wir alle haben.«

Das schrieb er am 15. Dezember 1935. Sechs Tage später, am dunkelsten Tag des Jahres, an dem es in Schweden nur ein paar knappe Stunden hell wird, nahm er das Gegengift. In Göteborg wurde er eingeäschert. Die Nachrufe, in Deutsch, gespickt mit Beschimpfungen, waren anders, als er sie sich vorgestellt hatte. Niemand schrieb von seinem »goldenen Herzen und seiner Schnauze«. Und niemand in Deutschland sagte, am abgegessenen Abendbrottisch sich die Ehe mit Zeitungslektüre vertreibend: »Ach -!«

1936 wurde seine Urne in Mariefred auf dem kleinen Friedhof, den er in seinem Schloß Gripsholm so schön beschrieben hat, beigesetzt. Es geschah in aller Stille, weil man fürchtete, daß »Landsleute« sein Grab schänden könnten.

(Thaddäus Troll: Gruß aus Gripsholm, 1955. In: Vogel, Harald: Tucholsky lesen - Lesewege und Lesezeichen zum literarischen Werk)