Kurt Tucholsky über seine eigene Schulzeit

aus: Kurt Tucholsky. Panter, Tiger und Co. Hamburg 1954. S. 123f

Ich denke nicht mit Hass an meine Schulzeit zurück - sie ist mir völlig gleichgültig geworden. Schultragödien haben wir nie gehabt, furchtbare Missstände auch nicht. Aber schlechten Unterricht. Es war ja nachher auf der Universität ähnlich - nur stand da der Unfähigkeit der Professoren, zu lehren, wenigstens oft ihr wissenschaftlicher Wert gegenüber. Aber ich denke ein bisschen traurig an die Schule zurück, heute, da ich den Wert der Zeit schätzen gelernt habe. Sie haben uns um die Zeit betrogen, um unsre Zeit und um unsre Jugend. Wir hatten keine Lehrer, wir hatten keine Führer, wir hatten Lehrbeamte, und nicht einmal gute...

Was wir wissen und können, das haben wir uns mit unsäglicher Mühe nachher allein beibringen müssen, nachher, als es zu spät war, wo das Gehirn nicht mehr so aufnahmefähig war wie damals. Vielleicht wäre doch manches besser gegangen mit einem guten Unterricht! Das ist nun vorbei. Geblieben sind wir und mit uns die üblen Wirkungen dieser lächerlichen Schulbildung, die keine war. Denn die deutsche Schule hat heute ein Ideal, das wohl das niedrigste von allen genannt werden muss; ihre Leitgedanken, ihre Idee, ihre Lehrgänge liegen zu unterst auf aller Menschen Entwicklungsstufe: sie ist militarisiert.

Liebe Brigitte - alles Gute zum Geburtstag!Brigitte Rothert-Tucholsky wurde 80 Jahre alt

80 Jahre – und kein bisschen leise!. Das erfuhr die kleine Mindener Delegation, die Brigitte Rothert-Tucholsky in Berlin besuchte, um ihr zu ihrem „runden“ Geburtstag zu gratulieren.

Liebe Brigitte – alles Gute zum Geburtstag!

Die Großcousine von Kurt-Tucholsky, eine profunde Kennerin unseres Namensgebers, wurde „standesgemäß“ ins Tucholsky-Restaurant eingeladen. Lebhaft und in guter Stimmung erzählte sie von Situationen aus ihrem „bewegten“ Leben: geboren in der Weimarer Republik, gelitten unter den Nazis, aufgewachsen und als Russisch-Lehrerin gearbeitet in der DDR, den Fall der Mauer („antifaschistischer Schutzwall“) miterlebt und dem Leben unter veränderten Bedingungen im vereinigten Deutschland. Bernd Brüntrup hielt eine spontane Laudatio auf die Jubilarin und betonte ihre Eigenständigkeit und die freisinnige Meinung, die ihr auch manches Mal Ärger eingebracht hat. Ihr großes, persönliches Ziel, Leben und Werk ihres Groß-Cousins und der Familie Tucholsky in vielfältiger Weise einem interessierten Publikum näher zu bringen, verfolgt sie auch in der Gegenwart. So konnte sie vor kurzem einen Erfolg „verbuchen“: Das Grab der Eltern von Kurt Tucholsky wurde vom Senat der Stadt Berlin restauriert und im Rahmen einer Feierstunde der Öffentlichkeit vorgestellt. Natürlich war Brigitte Rothert-Tucholsky dabei eine der Hauptpersonen.

Biographische Annäherung

Michael Hepp über Tucholsky: Meistgehasst und meistgeliebter Publizist in der Weimarer Republik

aus Michael Hepp: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen. Hamburg 1993. S. 11 – 14

«... das breite Publikum will den Unfehlbaren, den, der sich nie irrt» Kurt Tucholsky 1931

Tucholsky, der linke Pamphletist, da prophetische Warner, der leidenschaftliche und bissige Kritiker, der moralische Zeigefinger der Weimarer Demokratie, der scharfzüngige Chronist einer Epoche, der heute noch so aktuell ist: so haben wir ihn liebengelernt, verehrten ihn auf den Altären unserer aufrechten Gesinnung. Ich auch.

An meine erste Begegnung mit den Schriften Tucholskys kann ich mich noch gut erinnern. Damals, Anfang der Siebziger, quälte ich mich durch Marx und Marcuse, Pflichtlektüre fast einer ganzen Generation. Zur Erholung las ich Hesse und Hölderlin. Ein Freund, der die Lektüre dieser «dekadent-bürgerlichen Schriftsteller für pubertierende Jünglinge» heftig kritisierte, legte mir eines Tages einen Band Tucholsky auf den Tisch. Mir ging es ähnlich wie diesem bei der Lektüre Schopenhauers: Es war, als hätte jemand das Fenster aufgemacht. Da schrieb einer mit Witz und Wut im Bauch, und was wir in langen, mühsam-quälenden Diskussionen doch nicht begriffen, Tucholsky hatte es mit wenigen Strichen «auf den Punkt» gebracht. Plötzlich verstand ich ohne Mühe Zusammenhänge» Tucholsky hatte es ja alles schon gesagt. Zu jeder Lebenslage', zu jedem Problem gab es ein passendes Tucholsky-Zitat. Klassenjustiz, Militarismus, Demokratiedefizite, zu allen aktuellen Entwicklungen fand ich Erklärungen. (...)

Seine Buchbesprechungen brachten mir manchen Schriftsteller nahe, den ich sonst vielleicht nie gelesen hätte. Eine kleine Genugtuung empfand ich beim Lesen der sehr positiven Einschätzung Hesses durch Tucholsky. Kurt Tucholsky war eine Autorität für mich geworden. Die wenigen Biographien, die es gab, bestätigten mein Bild von diesem einzigartigen, aufrechten Kämpfer.

Als ich Ende der Siebziger die Briefbände las, veränderte sich das Bild langsam. Ich merkte, dass ich bislang nur den politischen Schriftsteller wahrgenommen hatte, Mensch und Werk waren für mich zu einer imaginären Einheit verschmolzen. Ich las nun auch seine Texte anders, entdeckte erste Widersprüche, Kontinuitätsbrüche. Leise Zweifel am vorherrschenden Tucholsky-Bild kamen auf. Aber meine Arbeiten über Konzentrationslager, über Albert Speer und dann über die NS-Sozialpolitik beanspruchten mich so, dass für gründlichere Nachprüfungen keine Zeit blieb. Als ich bei meinen Forschungsarbeiten über den Nationalsozialismus allerdings plötzlich in verschiedenen Archiven Dokumente über Tucholsky entdeckte, die bislang in keiner Arbeit über ihn aufgetaucht waren, war meine Neugierde endgültig geweckt. Die Tucholsky-Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin 1985/86 verstärkte die» noch, im Herbst 1986 stand dann für mich fest, dass eine neue Tucholsky-Biographie nötig wäre. 1988 erhielt ich schließlich ein Stipendium, das mir half, diese Biographie zu schreiben.

Zwei Jahre schienen mir eine ausreichende Zeit, denn noch ging ich davon aus, dass der größte Teil bereits erforscht sei, dass quasi nur die Ecken noch ausgeleuchtet, Ergänzungen und kleinere Korrekturen angebracht werden müssten. Ich dachte, dass ich «meinen Tucho» kannte. Nach einem Jahr war ich der Verzweiflung nahe. Wo ich konkrete Angaben und Daten erwartet hatte, fand ich Widersprüche, ich hatte den Eindruck, dass nichts mehr stimmte. Zu verschiedenen Ereignissen gab es gleich mehrere Daten zur Auswahl, Angaben über Personen aus seinem Umfeld entpuppten sich als falsch oder lückenhaft, zu einzelnen Bereichen seiner Biographie gab es so gut wie keine Unterlagen. Nach einigen freundschaftlichen Gesprächen mit Fritz J. Raddatz, dem Vorsitzenden der Kurt Tucholsky-Stiftung, bekam ich schließlich die Genehmigung, auch alle unveröffentlichten und von Frau Tucholsky gesperrten Materialien einzusehen, einschließlich ihrer Briefe und Tagebücher. Doch dadurch wurde das Bild nur noch unklarer, verwirrender.

Da trat mir plötzlich ein Seiltänzer entgegen, ein Verzagter vor dem nächsten Tag, ein Suchender und Zweifelnder, ein oft Verzweifelter, kurz: ein Mensch, kein Denkmal. Meine wissenschaftliche Distanz brach zusammen, je mehr ich über Tucholsky erfuhr, und es entwickelte sich ein sehr emotionales Verhältnis.

Je mehr ich mich aber dem Tucholsky hinter dem offiziellen Bild näherte, desto mehr entzog er sich. Kaum meinte ich, ein biographisches Detail geklärt zu haben, war auch schon wieder das Gegenteil möglich. Je mehr Dokumente ich fand, desto widersprüchlicher wurde das Bild. Wie in einem Zerrspiegel bildeten sich die unterschiedlichsten Formen: verschwommen, verzerrt, zerrissen. Vexierbilder eines Lebens. Schnell merkte ich, dass mehr als eine Annäherung an eine Biographie nicht zu erreichen sei. Alles andere scheint mir auch heute noch vermessen.

Ich sammelte alles, was ich von oder über Tucholsky finden konnte. In Antiquariaten stöberte ich nach Büchern, die er besprochen hatte; dass ich alle seine Bücher in den Originalausgaben kaufte, war selbstverständlich; durch Zufall konnte ich noch die Totenmaske Tucholskys, die einst bei seiner Zürcher Freundin Hedwig Müller hing, kaufen, kurz bevor sie versteigert werden sollte; zum vierzigsten Geburtstag bekam ich dann auch noch einen seiner leinenüberzogenen Zettelkästen mit seinem Monogramm «K. Tu.» geschenkt. Viele Wochen verbrachte ich in Archiven, suchte auch noch in den entlegensten Aktenbeständen, immer in der Hoffnung, verloren geglaubtes Material zu finden. Manchmal waren die Wege irrwitzig und verschlungen: Prozessakten aus München waren im NSDAP-Hauptarchiv gelandet, von dort kamen sie nach dem Krieg aber nicht in den entsprechenden Bestand, sondern ich fand sie im amerikanischen Document Center in Berlin; Beobachtungsakten aus der Weimarer Zeit tauchten in den Akten der «Deutschen Arbeitsfront» auf: es war eine aufregende Detektivarbeit. Aber die offenbar von der Gestapo angelegte zentrale Akte über Tucholsky konnte ich bislang leider nicht finden. Ebenso schwierig war es, die Nachlässe der Wegbegleiter Tucholskys aufzuspüren. Der Krieg hat auch hier eine breite Zerstörungsspur hinterlassen. Was gerettet wurde, ist dann manchmal von den Erben weggeworfen worden. So hatte ich nach über einjähriger Suche endlich die Adressen der Erben von Emil Jannings und Gussy Holl, nur um zu erfahren« dass fast alles «auf einer großen Rutsche vom Dachboden in Abfallcontainer gewandert war. Lediglich einige wenige Briefe Tucholskys entgingen dieser «Entrümpelungsaktion». (...)

Inzwischen hat sich mein Verhältnis zu Tucholsky geändert. Gerade dadurch, dass er Ecken und Kanten zeigte, dass er eben nicht ein stromlinienförmiger linker «Heuiger» war, wurde er mir immer sympathischer. Denkmäler verstellen nur den Zugang zu .Werk und Person. Sie sind zwar bequem, weil man sich die Auseinandersetzung ersparen kann. Gleichzeitig nimmt man die Person auf dem Sockel aber auch nickt ernst, verweigert ihr das Leben. Wenn wir Tucholsky endlich die Dimension des Menschlichen zurückgeben, die sein Werk auszeichnet, können wir uns vielleicht ein Stuck weit in ihm wiederfinden mit unseren Ängsten, Sorgen, Problemen. Kurt Tucholsky, ein Mensch und grandioser Schriftsteller, der gerade durch seine Stärken und Fehler glaubhaft ist und der dadurch uns und der jüngeren Generation in diesen schwierigen Zeiten wieder etwas zu sagen hat.

Tucholskys Kampf gegen die Nazis

n der Person Kurt Tucholskys bündelt sich geradezu das, was das Feindbild der Nazis ausmachte: Er war Jude, linker Demokrat, Intellektueller, ein intelligenter und aufrichtiger Mensch, weltläufig, mit Weitblick und kritisch vor allem dem gegenüber, was in seiner Heimat geschah. Genauso stellten die Nazis wohl die Quintessenz dessen dar, was KT verabscheute, verachtete und bekämpfte. Folgerichtig gehörte KT auch zu jenen Autoren, deren Werke nach der Machtergreifung der Nazis als erste verboten und am 10. Mai 1933 verbrannt wurden und die im August 33 ausgebürgert wurden. Die Machtergreifung der Nazis erlebt Tucholsky in Paris, wo er von 1924 bis 1928 lebt. Akustische Bekanntschaft mit Hitler und anderen Nazigrößen macht er durch das Radio. Er schreibt darüber an Walter Hasenclever:
"...Das war sehr merkwürdig. Also erst Göring, ein böses, altes
blutrünstiges Weib, das kreischte und die Leute richtig zum
Mord aufstachelte. Sehr erschreckend und ekelhaft. Dann Göbbels
mit den leuchtenden Augen, der zum Volk sprach, dann Heil und
Gebrüll, Kommandos und Musik, riesige Pause, der Führer hat
das Wort. Immerhin, da sollte nun also der sprechen, welcher...
ich ging ein paar Meter vom Apparat weg und ich gestehe, ich
hörte mit dem ganzen Körper hin. Und dann geschah etwas sehr
Merkwürdiges. Dann war nämlich gar nichts. Die Stimme ist nicht gar so
unsympathisch wie man denken sollte - sie riecht nur etwas nach
Hosenboden, nach Mann, unappetitlich, aber sonst geht's. Manchmal
überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst: nichts, nichts,
nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht,
ich bin doch schließlich viel zu sehr Artist, um nicht noch
selbst in solchen Burschen das Künstlerische zu bewundern, wenn
es da wäre. Nichts. Kein Humor, keine Wärme, kein Feuer, nichts.
Er sagt auch nichts als die dümmsten Banalitäten, Konklusionen,
die gar keine sind - nichts.
Ceterum censeo: ich habe damit nichts zu tun."

Tatsächlich war es so, dass er für die abgrundtiefe Banalität und Dummheit der Nazis nur eiskalte Verachtung übrig hatte. Er äußerte einmal Satire könne gar nicht so tief schießen um diese Leute zu treffen. Trotzdem verkannte er die Gefährlichkeit der Nazis nicht und auch nicht deren Entschlossenheit alle Macht an sich zu reißen und auf das Recht keine Rücksicht zu nehmen. Als sein Bruder Fritz sein Amt verliert und nach Prag fliehen muss schreibt er an Kurt und deutet an, dass man eigentlich gegen solch einen Rechtsbruch klagen müsse. Fritz unterliegt der Illusion, der sich viele Juden und Demokraten im Deutschland jener Zeit hingaben, dass nämlich die Nazis noch einen Funken Legalität wahren würden und dass nicht alles so schlimm kommen würde. Kurt schreibt seinem Bruder illusionslos zurück:
"Schadenersatzforderungen haben keine Aussicht: übrigens fände
ich es leicht komisch, wenn zum Beispiel ich das täte. Ist mir
Unrecht geschehen? Krieg ist Krieg - ich halte alle Maßnahmen,
die gegen mich gerichtet sind für revolutionär erlaubt. Es ist
nur schade, dass wir sie nicht angewandt haben."


Sein vergeblicher Kampf gegen die Nazis, die Tatsache, dass diese in Deutschland die Macht ergreifen konnten und dass das Ausland auch nichts gegen Hitler unternahm, trugen sicher wesentlich dazu bei, dass er resignierte, in seinen letzten Lebensjahren nichts mehr veröffentlichte (er durfte nichts mehr veröffentlichen) und sich schließlich das Leben nahm.

Tucholsky und die Justiz

Tucholsky war selbst Jurist. Er hatte Jura nicht nur an der Berliner Universität studiert, sondern ein Semester lang auch in Genf. Bereits im Studium war er aber ein unbequemer Kritiker des Justizsystems. Er bemängelte die praxisferne Ausbildung des Studenten, der sich mit römischem oder germanischem Recht herumzuschlagen hatten, von der Realität ihres Staates jedoch keine Ahnung hätten. Vor allem aber galt seine Kritik der Gesinnung und Haltung der Juristen seiner Zeit. Es war die Zeit der Weimarer Republik, und was für das Militär galt, dass es zutiefst antidemokratisch und reaktionär war, das galt für die Justiz zumindest im gleichen Maße. Ignaz Wrobel veröffentlicht dazu 1921 dazu authentisches Material. Demnach wurden von rechtsextremen Gruppen 314 Morde verübt, darunter an so bekannten Sozialisten wie Rosa Luxemburg ,Karl Liebknecht und Kurt Eisner, aber auch an bürgerlichen Politikern, die sich zur Demokratie bekannten wie Matthias Erzberger und Walter Rathenau. Für diese Morde wurden 31 Jahre und zwei Monate Freiheitsstrafe verhängt, sowie einmal lebenslange Festungshaft (eine damals übliche "ehrenvolle" Haftstrafe unter leichteren Bedingungen) von der aber nur wenige Jahre verbüßt wurden. Dem stehen 13 Morde, begangen von Linksextremisten gegenüber für welche deutsche Gerichte acht mal die Todesstrafe verhängten sowie Freiheitsstrafen von 176 Jahren und zehn Monaten. Diese Justiz war nicht nur "auf dem rechten Auge blind" wie es sicher richtig heißt, sie war darüber hinaus eine reine Willkür- und Klassenjustiz. Diese Justiz hat KT auf das leidenschaftlichste bekämpft. Als Beispiel mag sein Appell an die Republik gelten, verfasst von Theobald Tiger anlässlich des Mordes an Rathenau.

"Steh einmal auf! Schlag mit der Faust darein!
Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein!
Heraus mit deinem Monarchistenrichter,
mit Offizieren - und mit dem Gelichter,
das von dir lebt, und das dich sabotiert,
an deine Häuser Hakenkreuze schmiert.
Schlag du in Stücke die Geheimverbände!
Bind Ludendorff und Escherich die Hände!

Lass dich nicht von der Reichswehr höhnen!
Sie muss sich an die Republik gewöhnen.
Schlag zu! Schlag zu! Pack sie gehörig an!
Sie kneifen alle. Denn da ist kein Mann.
Da sind nur Heckenschützen. Pack sie fest -
dein Haus verbrennt, wenn du´s jetzt glimmen lässt.
Zerreiß die Paragraphenschlingen.
Fall nicht darein. Es muss gelingen!
Vier Jahre Mord - das sind, weiß Gott, genug.
Du stehst vor deinem letzten Atemzug.
Zeig, was du bist. Halt mit dir selbst Gericht.
Stirb oder kämpfe. Drittes gibt es nicht."

Erneut beeindruckt, neben der Leidenschaft mit der KT gegen die Reaktionäre in der Justiz und beim Militär angeht, der Weitblick dieses Mannes, der das Ende dieser Republik kommen sah, die eben nicht bereit war, für Demokratie zu kämpfen.

Er selbst hatte sich auch ganz persönlich mit der deutschen Justiz herumzuschlagen, wurden doch zahlreiche Prozesse gegen ihn geführt, wegen seiner engagierten Artikel. Mal lautete die Anklage auf Gotteslästerung, mal auf Beleidigung oder Verunglimpfung.

Noch in einem weiteren Zusammenhang setzte er sich mit der Justiz auseinander, nicht nur mit der deutschen - in seinem Kampf gegen die Todesstrafe. 1927 protestierte er in einem offenen Brief an den amerikanischen Botschafter gegen die Hinrichtung der beiden italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti, die wegen eines angeblichen Attentats in Boston zu Tode verurteilt wurden. Als auch in Deutschland ein derartiger Justizirrtum aufgedeckt wird, äußert er sich in seinem Artikel: "Eine leere Zelle" in dem er den Vater eines ermordeten Kindes zu Wort kommen lässt.

Er schließt mit:
"Sie haben mich nicht einmal gerächt. Meinen niedrigsten Instinkt
zu befriedigen und sinnlos zu befriedigen... mir vielleicht noch
einen Parkettplatz anzubieten, wenn er seinen Kopf in den Sack
spuckt - was soll das? Ich mag es gar nicht sehen. Es ist etwas
Unwiderrufliches durch ihn geschehen; ein Teil meiner selbst
ist dahin - und nichts ist dadurch erreicht, als dass ein neuer
Mord vollbracht wurde, mit allen Schrecken des ersten."

Tucholskys Pseudonyme

Um Tucholskys Pseudonyme zu charakterisieren lässt man am besten ihn selbst sprechen. Im Vorwort zu einer Sammlung von Aufsätzen und Schriften, die 1928 bei Rowohlt unter dem Titel: "Mit 5 PS" erscheint schreibt er:
"Wir sind fünf Finger an einer Hand. Der auf dem Titelblatt und: Ignaz Wrobel. Theobald Tiger. Peter Panter. Kaspar Hauser. Aus dem Dunkel sind diese Pseudonyme aufgetaucht, als Spiel gedacht, als Spiel erfunden - das war damals, als meine ersten Arbeiten in der "Weltbühne" standen. Eine kleine Wochenschrift mag nicht viermal denselben Mann in seiner Nummer haben, und so entstanden, zum Spaß, diese Homunkuli. Sie sahen sich gedruckt, noch purzelten sie durcheinander; schon setzten sie sich zurecht, wurden sicherer, sehr sicher, kühn - da führten sie ihr eigenes Dasein... Und es war auch nützlich, fünfmal vorhanden zu sein - denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? dem Satiriker Ernst? dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer lustige Verse? Humor diskreditiert. Wir wollten uns nicht diskreditieren lassen und taten jeder seins. Ich sah mit ihren Augen, und ich sah sie alle fünf; Wrobel, einen essigsaueren, bebrillten, blaurasierten Kerl, in der Nähe eines Buckels und roter Haare; Panter, einen beweglichen, kugelrunden, kleinen Mann; Tiger sang nur Verse, waren keine da, schlief er - und nach dem Kriege schlug noch Kaspar Hauser die Augen auf, sah in die Welt und verstand sie nicht. Eine Fehde zwischen ihnen wäre durchaus möglich. Sie dauert schon siebenunddreißig Jahre."

Die Namen hatte Tucholsky mehr oder weniger zufällig gewählt. Wrobel hieß der Verfasser eines Rechenbuches mit dem der junge Kurt sich herumschlagen musste. Theobald Tiger und Peter Panter waren Erfindungen eines Dozenten an der juristischen Fakultät der damit fiktive Kontrahenten in einem Zivilprozess benannte. Nur Kaspar Hauser ist sehr bewusst gewählt. Der Name dieses Nürnberger Findelkindes aus dem vorigen Jahrhundert steht für den, "der in die Welt sah und sie nicht verstand." Die Arbeitsteilung war also zufällig entstanden, weil in der Weltbühne nicht alle Artikel mit demselben Klarnamen gezeichnet werden sollten.

Später stellte sich die Arbeitsteilung als praktisch heraus, Peter Panter war für Buchrezensionen und Theaterkritiken zuständig und schrieb Feuilletons in der "Weltbühne". Theobald Tiger schrieb nur in Versen und zwar als Kommentar zu Tagesereignissen und Zeiterscheinungen. Dies konnte ein Chanson fürs Kabarett sein oder ein gereimter Leitartikel. Ignaz Wrobel war politischer Kommentator, ein bissiger, satirischer Kritiker. Kaspar Hauser war ein etwas nachsichtigerer Kritiker, der die Welt eher melancholisch sah. Er, der auch andere Menschen gerne mit selbsterfundenen Namenansprache, sah durchaus auch die Risiken dieser Praxis:
„Pseudonyme sind wie kleine Menschen; es ist gefährlich, Namen zu erfinden, sich für jemand anders auszugeben, Namen anzulegen - ein Name lebt und was als Spielerei begonnen, endet als heitere Schizophrenie. Ich mag uns gern."

 

Tucholsky und die Frauen

Den Schlüssel zum Verständnis für Kurt Tucholskys Verhältnis zu Frauen muss man in seinen familiären Verhältnissen suchen, speziell in der Beziehung zu seiner Mutter. Der Vater war ja gestorben, als Kurt 15 Jahre alt war. Die Führung der Familie lag danach in den Händen seiner Mutter. Doris Tucholsky war eine intelligente und selbstbewusste Frau, aber sie konnte ihren Kindern keine "Nestwärme" vermitteln. Zwar zeichnete sie Kurts literarische Versuche als Kind und Jugendlicher auf und wir verdanken ihr, dass sie bis heute bekannt sind, jedoch tat sie das nicht aus Rührung oder mütterlichem Stolz, sondern um sich köstlich über die unfreiwillige Komik dieser Ergüsse zu amüsieren. Tucholsky suchte sein Leben lang nach einer Frau die ihm diesen Mangel an Mutterliebe ersetzen konnte. Darüber hinaus war er aber auch ein Typ Mann, der auf Frauen wirkte und der auf Frauen flog. Er hatte zahllose Affären und wäre nach unserem heutigen Sprachgebrauch sicher als "womenizer" zu bezeichnen. Viele dieser Affären inspirierten ihn zu Gedichten und Artikeln. Auch seinen ersten großen Bucherfolg: "Rheinsberg" verdankt er einer Liebesaffäre. Er verarbeitet darin die Erlebnisse mit seiner Freundin, der Medizinstudentin Eise Weil in dem genannten Ort. Eise Weil wurde später seine erste Ehefrau. Seine zweite Ehefrau und die Liebe seines Lebens lernte er als Soldat im Baltikum kennen. Es war Mary Gerold. Die Beziehung der beiden verlief aber, wie bei einem unsteten Menschen wie Kurt Tucholsky nicht verwunderlich, keineswegs in ruhigen Bahnen. Nachdem sie sich in Alt-Autz kennen- und liebengelernt hatten, folgte eine erste Trennung. Kurt Tucholsky wurde (auch auf eigenen Wunsch hin) nach Bukarest versetzt. Die beiden blieben in Briefkontakt. 1920 kommt Mary nach Berlin, doch es kommt zu einer Entfremdung der beiden und er heiratet Else Weil. Diese Ehe stand von Anfang an unter einem schlechten Stern, da er wie er seinem Tagebuch anvertraute, von Mary nicht loskommt. Im März 1924 wird die Ehe geschieden. Am 30. August 1924 heiratet er Mary Gerold. Er lebt mit ihr in Paris und durchlebt dort wohl die größten Höhen und Tiefen seines bisherigen Lebens. Zunächst einmal ist er grenzenlos glücklich und es entstehen so optimistische Werke wie das "Pyrenäenbuch" und die "Nachher"-Serie. Später leben sich beide erneut auseinander und es kommt zur Trennung im November 1928.

Die Ehe wird 1933 geschieden. Kurt Tucholsky betrieb diese Scheidung mit großer Eile um Mary zu schützen, da nach Hitlers Machtergreifung mit Repressalien auch gegen seine Angehörigen zu rechnen war. Im Exil hatte er noch intensivere Beziehungen zu der Schweizer Ärztin Hedwig Müller und zu Gertrude Meyer, einer schwedischen Jüdin mit deutscher Mutter. Sie versorgte ihn in seinen letzten Jahren in Hindås und war seine Sekretärin und Dolmetscherin. Als er sich entschließt, aus dem Leben zu scheiden, hinterlässt er in seinem Testament Mary Gerold, abgesehen von einigen Legaten, seinen gesamten Nachlass und einen erschütternden Abschiedsbrief.

In diesem schreibt er; (er verwendet jenen eigenwilligen Stil den er in den meisten Briefen an Mary verwendet nämlich statt des "Du" - "Er" zu schreiben)

"Will Ihm zum Abschied die Hand geben
und Ihn um Verzeihung bitten, für das, was Ihm einmal angetan hat.
Hat einen Goldklumpen in der Hand gehabt und
sich nach Rechenpfennigen gebückt; hat nichts
verstanden und hat Dummheiten gemacht,
hat zwar nicht verraten, aber betrogen, und hat nicht
verstanden.
...Jetzt sind es beinahe auf den Tag sieben Jahre, dass
weggegangen ist, nein, dass hat weggehen lassen - und nun stürzen
die Erinnerungen nur so herunter, alle zusammen. Ich weiß, was
ich in Ihm und an Ihm beklage: unser ungelebtes Leben."

Nach dem Ende des Naziterrors sorgte Mary Gerold – Tucholsky für die Herausgabe der Werke von Kurt Tucholsky. Seine Mutter Doris Tucholsky kam 1943 im KZ Theresienstadt ums Leben.

Tucholsky im Krieg

aus Helga Bemmann: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild

Einberufung als Schipper

Kurt Tucholskys Phantasien über den Krieg wollte er in ein Buch fassen. Dieses Buch wurde nie geschrieben, da er ab dem 1. August 1914 selbst Erfahrungen im Krieg sammeln konnte.

Anfang März 1915 wurde Kurt zur Musterung zur Feststellung seiner Militärstauglichkeit geladen. Bei der Musterung traf er seinen alten Freund Hans Schönlank. Beide wollten nicht in den Krieg, weil es ihnen nicht zusagte den Dienst an der Waffe zu schieben und versuchten ihre Gesundheit kurzzeitig mit Hilfe von starken Zigaretten zu beeinträchtigen. Dieser Versuch blieb jedoch erfolglos. Kurt Tucholsky wurde zum diensttauglichen Landsturm ohne Waffe erklärt und wurde am 10. April 1915 eingezogen.

Er wurde in die Russische Tiefebene beordert. Dort traf er armselige Verhältnisse an, denn er musste mit seinen Kameraden auf harten Böden in einer Art Stall übernachten und das dortige Umfeld war in einem erbärmlichen Zustand.

Seine Aufgabe bestand darin, zerstörte Festungen wieder aufzubauen und Straßen zu errichten die im Gefecht zerstört wurden. Zu dieser Zeit war die Belastung sehr hoch, da es harte Arbeit war, die Kurt Tucholsky und seine Kameraden verrichten mussten.

Kurt Tucholsky hatte Anpassungsschwierigkeiten, denn er hatte das Gefühl einer Deklassierung, da er von ausrangierten Offizieren befehligt wurde und das gefiel ihm nicht.

Nach geraumer Zeit war er nicht mehr Schipper, sondern Schreiber beim Kompaniestab.

Das ganze Jahr befand sich Tucholsky und seine Truppe auf dem Marsch. Sie hatten während dieser Zeit kaum Kontakt zur Zivilbevölkerung. Sie bauten Unterstände und Schützengräben, Feldbefestigungen und Stabsquartiere oft im feindlichen Feuer und meist in der Nacht.

Erlebnisse als Kompanieschreiber

Im Sommer 1915 war eine verhältnismäßig ruhige Zeit nach dem Abflauen der Gefechte.

Im ersten Jahr des Krieges waren kleine Aufzeichnungen und die persönliche Korrespondenz das Einzige, was er neben dem dienstlichen Schreibkram für sich auf der Maschine tippen konnte.

Er empfing Informationen von seiner Schwester in Form von Briefen. Sie unterrichtete ihn auch über seinen Bruder, der auch als Schipper an einem anderen Ort stationiert war.

Tucholsky bekam bei dieser Station eine Waffe, die er aber nicht einsetzen wollte, weil er keinen Russen damit „erschrecken“ wollte.

Im September 1915 musste Tucholsky seine Berichte mit der Hand schreiben, weil die Schreibmaschine kaputt war. Er wurde daraufhin aus der Schreibstube geworfen, aufgrund seiner unleserlichen Schrift.

Er erntete Kritik von den Offizieren über seine Berichte über den Krieg, die alles andere als gut waren und dies missfiel den Offizieren.

Die Kritik über ihn begann von dieser Zeit an und begleitete ihn noch über viele Jahre, wegen kleinerer Delikte, die ihm aber von einigen Offizieren übel genommen wurden. Später sagte Tucholsky einmal: „Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Krieg gedrückt, wo ich nur konnte- und ich bedaure, dass ich nicht, wie der große Karl Liebknecht, den Mut aufgebracht habe, nein zu sagen und den Heeresdienst zu verweigern. Dessen schäme ich mich.“

Im Herbst 1915 wurde Tucholskys Einheit wieder zum direkten Einsatz an der Front herangezogen. Elf Monate blieb seine Truppe ununterbrochen im Einsatz.

Das Jahr 1916 brachte eine Wendung in seinem Dasein. Er wurde im Herbst mit seiner Kompanie abkommandiert. Sie sollten für die Artilleriefliegerschule einen Flugplatz errichten. Kurt Tucholsky wurde als Schreiber zum Stab der Fliegerschule abkommandiert.

An der Fliegerschule Alt Autz im Kurland

Kurt Tucholsky war zunächst beim Stabschef der Schule tätig, alsbald aber avancierte er zum Bürochef beim Stab.

Infolge seiner Fähigkeiten rückte er zum Unteroffizier auf, nebenher war er mit der Verwaltung der Leihbibliothek beauftragt und verantwortlich für den Betrieb einer kleinen Druckerei.

Kurt Tucholsky machte sich Gedanken, wie es nach dem Krieg in Deutschland weitergehen solle. Er kann keinen Sinn im Töten von Menschen erkennen, da einige russische Spione während seines Aufenthaltes hingerichtet wurden.

Tucholsky dachte seit zwei Jahren darüber nach, nach Schweden auszuwandern. Es lässt sich nicht sagen, ob solche Äußerungen bereits ernsthafte Überlegungen waren oder nur emotionale Reaktionen auf das Kriegserlebnis und die durch den Krieg auch für ihn eingetretene Zerstörung seiner beruflichen Zukunft, die er gerade aufzubauen begonnen hatte.

Bei den Fliegern hatte Tucholsky weit mehr Arbeit zu leisten, als bei der vorherigen Kompanie.

Kurt Tucholsky arbeitete bei der Feldzeitung „Flieger“. Ihm gefiel die Arbeit im Verlag immer weniger, da er seiner Meinung nach mit seinen Vorgesetzten nicht vernünftig arbeiten konnte.

Auf der anderen Seite gewährte ihm das Blatt ein beachtliches Maß an Freizügigkeiten, er konnte umherreisen und über seine Zeit disponieren, was ihm im Rahmen der Verhältnisse eine gewisse Unabhängigkeit verschaffte.

Tucholsky hatte sich nun dem Militärbetrieb voll angepasst, da er ein gutes Verhältnis zu Oberleutnant Bode hatte, der ihm einiges in seinem Militärleben auf dieser Station erleichterte.

Im September 1917 wurde er dort zum Unteroffizier befördert.

An der Fliegerschule trafen eines Tages zweihundert Helferinnen ein und Tucholsky lernte dort Mary Gerold schätzen und lieben.

Kurze Zeit später bekam er Urlaub.

Nach dem Krieg nahm er seine Arbeit als Chefredakteur wieder auf.

Tucholsky als Journalist

aus Helga Bemmann: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild

Tucholsky beim Ulk

Im Dezember 1918 fing Tucholsky beim Mosse-Verlag, als Redakteur des Ulk, an. Der Ulk, für den er verantwortlich war, wurde im Berliner Tageblatt und der Berliner Volkszeitung veröffentlicht. Dadurch bot sich ihm ein großes Publikum, da die beiden Zeitungen zusammen eine Viertelmillion starke Leserschaft hatten. Tucholsky wollte mit den Kriegswitzen und dem Durchhaltehumor schlußmachen, und den Ruf des Jüdisch- demokratischen Ulk wiederherstellen.

Dies erwies sich jedoch als schwierig da er keine Grundlagen hatte und alles neu konzipieren, beschaffen und schreiben musste. Zudem musste er seine Tendenz zur scharfen Satire einschränken. Er glaubte dies jedoch ertragen zu können, da seine Arbeit für die Weltbühne weiterlief und lediglich sein Pseudonym, Theobold Tiger, an den Verlag gebunden war.

Bei den ersten Ausgaben veränderte er die äußere Form und aus den Spalten des Ulk verschwand die humorfremde Pathetik. Er wurde mit der Zeit immer respektloser gegenüber den so genannten ewigen Werten. Dieser Sinn für Humor gefiel den Lesern. Tucholsky orientierte sich bei seiner Arbeit an Satirischen Zeitungen mit denen er seit seiner Jugend vertraut war.

Die journalistische Qualität des Ulk war in den ersten Monaten recht unterschiedlich. Dafür waren die inhaltlichen Schwerpunkte stabil: Karikierung des revolutionsfernen Spießers, Bloßstellung des Militarismus preußisch-deutscher Prägung und seines Versagens in der gerade zu Ende gegangenen großen Zeit, Kritik an den neu formierten bürgerlichen Parteien und deren Palaver, aber auch Mahnung, sich bei Massenaktionen, Streiks und Aufmärschen möglichst zu mäßigen.

Die Kritik an revolutionären Massenaktionen, die man als störend und schädigend für die Ordnung im Staat und den Wiederaufbau sah, war Teil der offiziellen Pressepolitik. Diese übernahm Tucholsky, um sich mit den Fronten vertraut zu machen.

Als radikaler Demokrat konnte er, weder bei den linken noch den rechten Parteien, konstruktive Ansätze für eine wirklich Demokratische Republik finden. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass er in der Anfangszeit im Ulk, über rechts und links gleichermaßen Satiren schrieb die nebeneinander standen.

Tucholsky veröffentlichte auch anonym Arbeiten von ihm, hauptsächlich satirische Kurztexte, die dem Blatt Leben und Farbe gaben. Für die Witz- und Humorseite dachte er sich immer wieder etwas Neues aus, wie Guckkastenbilder, Bildgeschichten oder er gab erfundenen und tatsächlichen Personen ulkende Antworten von ihm, wie er es von der Schaubühne her kannte. Er kritisierte in seinen Texten die Stützen der Monarchie, Generalstäbler, Deutschnationale und die Alldeutschen. Er bringt dabei auch Geschichten wieder, die er während seiner Militärzeit erlebt hat.

Je mehr sich sein Blick schärfte, desto mehr fühlte er sich in seiner Stellung eingeengt. Durch die Rücksicht, die er auf das Mossehaus nehmen musste, fielen alle Themen, die für ihn Satire waren, aus.

Durch manche kritischen Verse, Witze und Karikaturen, handelte er sich dennoch Ärger ein. Die Angriffe kamen von allen Seiten. Von der Seite, die die Monarchie als gottgewollte Ordnung sah sowie von den Rechtsextremisten, die ihn als jüdischen Zersetzer des deutschen Volkes beschimpften. Er wurde auch in mehreren Zeitungen als Beispiel von den Rechten aufgeführt, wie die Juden den Antisemitismus selbst provozieren. Die Gebrüder Sklarz erstatteten sogar Anzeige, weil in einem Gedicht von Tucholsky die Zeilen standen: "Es klebt die Konnexion wie Harz ( Es reimt sich hierauf Brüder Sklarz).

Der Verlag des Berliner Tageblatts sah solche Prozesse nicht gerne, noch mochte man den scharfen Ton Tucholskys. Mosse musste Rücksicht auf potenzielle Wähler der DDP nehmen und auf die Regierung. Tucholsky machte es immer weniger Spaß "amputierte" Satiren zu schreiben, da es seiner künstlerischen Art und seiner eigenen Meinung nach nicht entsprach.

Auf das Gedicht "Der Altdeutsche singt", welches am 10. 10. 1919 erschien, erhielt Tucholsky einige Tage später ein Schreiben des Chefredakteurs vom Berliner Tageblatt. In diesem Schreiben wird er aufgefordert, den Ton im Ulk zu ändern, da er ihn für schädlich halte. Der Chefredakteur, Theodor Wolff, meint weiter, dass dieser Ton den Gegnern der Demokratie mehr nütze als den Befürwortern. Den Inhalt kritisierte er aber nicht.

1920 hatte Tucholsky genügend Politische Eindrücke sammeln können, um die Pressepolitik der Parteien zu durchschauen. Er begann sich an der Politik der unabhängigen Sozialdemokraten zu orientieren und er distanzierte sich vom Verlag. Er schrieb kaum noch neue Texte, sondern griff auf ältere von ihm zurück. Er kündigte seine Stellung als Chefredakteur des Ulk beim Mosse Verlag, welche ihm wirtschaftliche Sicherheit gab, und war mit dieser Entscheidung froh. Theodor Wolff bot ihm an, weiterhin das Leidgedicht für den Ulk zu schreiben. Tucholsky lehnte dieses jedoch ab, da es für ihn ein Widerspruch war, für einen Verlag zu schreiben, bei dem man gekündigt hat.

Nach Tucholskys Ausscheiden kehrte der Ulk, unter Wiener-Braunsberg, wieder zu seinen konventionellen Bahnen zurück. Unter Tucholsky jedoch hatte der Ulk eine nie da gewesene und nie zurück kehrende Beachtung gefunden. Der Ulk war noch nie so umstritten gewesen, noch nie hatten so viele junge und engagierte Künstler an ihm gearbeitet. Doch dieses war mit dem Gehen Tucholskys vorbei.

Tucholsky beim Berliner Tageblatt

Tucholsky befand sich noch in Rumänien als sein erster Text ( Parodie auf ein Fontane Gedicht) am 1.9. 1918 im Berliner Tageblatt erscheint. Aus Rumänien schickte er rund ein halbes Dutzend Arbeiten ans Berliner Tageblatt, bestimmt für das Feuilleton. Er nutzte Pseudonyme: Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel. Auch zu dieser Zeit genoss Tucholsky ein hohes literarisches Ansehen auch in anderen literarischen Bereichen. Insgesamt lieferte er fürs Berliner Tageblatt fünfzig Texte. Zu seinen bedeutsamsten Aufsätzen zählen die Betrachtungen über die Aufgabe der Satire, aber auch die Feuilletons mit autobiographischen Bezügen und Reflektionen. Seine Aufsätze warnen vor Anpassung, Konzessionen, Genügsamkeit. Tucholsky sah seine Aufsätze als Gedankenaustausch. Seine Mitarbeit beim Berliner Tageblatt endete 1920 aufgrund der Entfernung des Mosse Verlags von der Ausgangsposition. Tucholsky ging nach dieser Zeit entschieden nach links, dort ergaben sich neue publizistische Aufgaben und Möglichkeiten. Die Leser des Berliner Tageblatts bedauerten das Ausbleiben seiner Texte.

Tucholsky bei der Berliner Volkszeitung

Die Berliner Volkszeitung entsprach Tucholskys Überzeugung nach seiner Auffassung von sozialer Demokratie. Anfang des Jahres 1919 begann er für die Berliner Volkszeitung zu schreiben. Die Berliner Volkszeitung bestand zu dieser Zeit schon 70 Jahre. Unter dem Sozialistengesetz wurde sie ab und zu verboten. Zu den Redakteuren gehörte Franz Mehring ( Mitbegründer der KPD) und Georg Ledebour, jetzt einer der Führenden der USPD. Kurz nach dem ersten Auftreten Tucholskys, in der Berliner Volkszeitung hatte er eine breite Lesergemeinde.

Tucholsky schrieb Aufsätze für die Berliner Volkszeitung in den Jahren 1919- 1920. Seine Aufsätze (insgesamt 60 für die Berliner Volkszeitung) trugen den Charakter des Theobald Tigers und Ignaz Wrobesl, selten eines Peter Panters. Gelegentlich erschien auch etwas "von einem Berliner". Unter diesem Pseudonym sprach er Themen an, die er beim Ulk nicht behandeln konnte oder nicht aktuell genug für die Weltbühne waren. Tucholskys Themen stimmten mit denen von Carl von Ossietzky überein: Kampf gegen die Gefahr von rechts, die Warnung vor einem Putsch des Militärs und die Aufdeckung von Offiziersverbrechen im Kriege. Auch reagierte er schnell auf das Tagesgeschehen. Sein Arbeitsverhältnis endete 1920, als er für die unabhängigen Sozialdemokraten zu arbeiten begann.

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