Tucholskys Werke

Tucholsky veröffentlichte seine Werke unter verschiedenen Pseudonymen: Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger und Kaspar Hauser.

Tucholsky war 25 Jahre (1907-1932) schriftstellerisch tätig. Er erstellte Gedichte, Chansons, Glossen, Erzählungen, einen Roman, Artikel, Essays und weitere kurze Texte, "Schnipsel" genannt.

Im Jahr 1919 veröffentlichte Tucholsky das Gedicht "Krieg dem Kriege". Das Gedicht spielt, wie viele seiner Werke, im 1. Weltkrieg. Es beschäftigt sich mit der Befehlsgewalt der Militärführung, die den einfachen Soldaten das Töten befiehlt und selbst ungeschoren davonkommt. Tucholsky ruft dazu auf, diesem Irrsinn ein Ende zu setzen und sich für eine friedliche Zukunft stark zu machen. Er sagt, man müsse "dem Krieg den Krieg" erklären.

Als nächstes veröffentlichte er 1924 das Werk "Vision", das in einer Zeit spielt, zu der Tucholsky in Paris lebte. Er macht sich Gedanken, wie er den Menschen, mit denen er tagtäglich zu tun hat (z.B. dem Milchmann oder dem Schaffner), im l.Weltkrieg gegenüber getreten wäre. Er wäre dann verpflichtet gewesen, diese Menschen zu töten, und die Franzosen wären verpflichtet gewesen, ihn zu töten. Alle wissen es, nur keiner redet darüber in dieser Zeit des Friedens. Tucholsky macht sich Gedanken, wie lange dieser Friedenszustand noch anhält oder ab wann sich diese friedlichen Menschen wieder in eine "tobende, heulende Masse" verwandeln und gegeneinander in den Krieg ziehen.

1928 erschien der Text "Kurt Tucholsky", in dem es nur eine Gegenüberstellung gibt, von dem, was Tucholsky (und seine Pseudonyme) liebt beziehungsweise. hasst.

"Das Dritte Reich", das war der Titel des Gedichtes, das 1930 veröffentlicht wurde. Der Text ist sehr sarkastisch verfasst, und handelt von der Entstehung des dritten Reiches: Es musste einfach mal wieder was Neues her, mit dem sich der nationale Mann identifizieren kann. Man müsse, statt massig, mehr rassisch werden und mehr national denken. Tucholsky schreibt auch von der "Rückeroberung" der Sudentendeutschen, der Saardeutschen, Eupendeutschen und Dänendeutschen. Und um diese Ziele zu erreichen braucht man eben den Krieg...

Schon ein Jahr später (1931) erschien das nächste Gedicht unter dem Titel "Joebbels".

Das Gedicht ist im "Berliner Dialekt" geschrieben und handelt von Joseph Goebbels, der ab 1933 Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" war. Goebbels war Mitglied der NSDAP. In seinem Gedicht zieht Tucholsky Goebbels "mächtig durch den Kakao": Er sagt, Goebbels sei bloß ein "ganz kleines Licht", welches man wohl "zu früh aus dem Nest" genommen habe. Tucholsky sagt, Goebbels habe nur "eine mächtig große Fresse", sei nicht "ganz richtig" und kein Führer, sondern nur ein "Porzellanzerschmeißer". Auffällig an diesem Gedicht ist die etwas "derbe" Ausdrucksweise und der "Berliner Slang". Dadurch hebt sich das Gedicht von den sonst üblichen Schreibweisen in Gedichten besonders ab.

Im gleichen Jahr wie "Joebbels", also 1931, erschien das Gedicht "An das Publikum". Tucholsky hat hier wieder ein sehr sarkastisches Gedicht geschrieben. Es handelt "von den dummen Menschen", dem Publikum, das sich alles vorsetzen lässt, wovon die Unternehmer sagen "Das Volk will es so '". Er geht mit dem Volk hart ins Gericht und stellt es als unmündige Feiglinge dar, das sich aus Angst vor den Konsequenzen und den Reichsverbänden "ganz ruhig" verhält. Tucholsky ist der Meinung, dass ein Volk, welches sich nicht gegen solche Machenschaften wehrt, selbst Schuld an seiner Situation ist.

"Was darf Satire?". So heißt der 1919 erschienene "Schnipsel" von Tucholsky. In diesem Text setzt er sich ausführlich mit dem Begriff "Satire" auseinander. Er beschreibt, was Satire ist, und welche Ziele sie verfolgt. Er kam zu dem Schluss, dass die Satire in Deutschland ein noch viel zu schlechtes Ansehen hat, dass das deutsche Volk mit Satire nicht umgehen könne und das die Nachbarländer schon viel "verwachsener" mit der Satire sind, was z.B. Propagandaplakate in Frankreich deutlich machen. Zum Schluss des Textes stellt Tucholsky noch einmal die Frage "Was darf Satire ?" und liefert gleich die Antwort: Alles !

Doch 1932 "erweiterte" er seinen 1919 erschienenen Text "Was darf Satire ?". Er schrieb nun, dass auch Satire ihre Grenzen habe und zwar nach oben hin beim Buddha und nach unten hin bei den faschistischen Mächten in Deutschland, da man, so Tucholsky wörtlich, "mit Satire gar nicht so tief schießen kann".

Zum Thema Satire gab es 1928 auch eine Entscheidung des Reichsgerichts vom 05.06.1928, die besagt, dass Satire eine starke Übertreibung des Inhaltes darstellt. Die Satire muss aber als solche zu erkennen sein, d.h. ein Leser oder Beschauer muss den tatsächlichen Inhalt der Satire erkennen können. Das Gericht entschied auch, dass eine Satire keine strafbare Handlung darstellt. Um herauszufinden, ob ein Text eine strafbare Handlung, im besonderen eine Beleidigung enthält, muss zuerst der satirische Text entfernt werden, damit dann der "Rohtext" beurteilt werden kann.

Ziele seines Wirkens

Tucholsky wollte mit seinen satirischen und "bissigen" Texten die Menschen zum Nachdenken und zum Überdenken ihrer eigenen Situation anregen. Tucholsky beschäftigte sich in seinen Texten viel mit dem l.Weltkrieg und mit dem Nationalsozialismus. Gerade in dieser Zeit war es für einen Schriftsteller gefährlich, sich in so satirischer und sarkastischer Weise mit diesen Themen, besonders dem Nationalsozialismus, auseinander zusetzen.

Meinungen über Tucholsky

Bei Alexej Tolstoi hatte Tucholsky eine schlechte "Stellung"(?). Tolstoi sagte, Tucholsky könne "der Heine des 20. Jahrhunderts" werden.

Josef Nadler war der nächste, der sich gegen Tucholsky wandte: Er meinte, dass noch nie ein Volk jemals so geschmäht worden sei wie das deutsche durch Tucholsky.

Golo Mann erklärte, dass es Tucholsky an Takt, Bescheidenheit und an Schöpferkraft fehle und das es in den 20er Jahren eher zu viele von Tucholskys "Art" gegeben habe.

Es gab aber auch Menschen, die Tucholsky und seine Werke sehr zu schätzen wissen, wie z.B. Wilhelm Herzog. Dieser sagte 1936, dass Tucholsky ein Schriftsteller mit ungewöhnlicher Begabung war. Tucholsky trug zu kritischer Vernunft mit überlegener Heiterkeit bei und bereicherte das Leben vieler Leser.

Auch Arnold Zweig äußerte sich positiv über Tucholsky: Er bezeichnete ihn als "einen bezaubernden Schriftsteller".

Für Ernst Rowohlt war Tucholsky einer der liebsten Autoren, der ein warmblütiger und in jedem Sinne menschlicher Freund gewesen sei.

Georg Grosz sagte über Tucholsky, dass dieser einer der wenigen war, die den wirklichen Berliner Witz verstanden und auch wirkliche Berliner Dialoge schreiben konnte.

Kurzbiographie

Geboren:

9. Januar 1890

Eltern:

Alex Tucholsky, Kaufmann
Doris Tucholsky, geb. Tucholski

Schulische Laufbahn:

1899- 1903 Französisches Gymnasium Berlin
1903- 1907 Königliches Wilhelms-Gymnasium Berlin
21. September 1909 Reifeprüfung als Externer bestanden

Studium:

1909-1914 Jurastudium in Berlin
19. November 1914 juristische Doktorprüfung bestanden

Wehrdienst:

1915 als Soldat im Osten
1917 Fliegerschule im Baltikum und später in Rumänien
1918 Feldpolizeikommissar bei der politischen Polizei in Rumänien

Berufe:

Dezember 1918 - April 1920
Chefredakteur des „Ulk“

1923-1924
Volontär an einem Bankhaus

April 1924
Korrespondent der Weltbühne
und bei der Zeitung in Paris
7. Dezember 1926 übernahm die Aufgaben des Herausgebers der Weltbühne

Leben:

 

Heirat 1920 Dr. med. Else Weil
Scheidung: 14. Februar 1924

Heirat: 30.08.1924 Mary Gerold
Scheidung: 21.08.1933 (keine Kinder)

23. August 1923 Tucholsky wurde ausgebürgert
seine Bücher wurden von den Nazis verbrannt

1. Oktober 1929 mietete er eine Villa Schweden
leistete in Schweden keine schriftstellerischen Tätigkeiten

21. Dezember 1935 Kurt Tucholsky beging Selbstmord
er wurde in Mariefried begraben

Die Letzte der Familie Tucholsky

Autor: Eckhard Spoo, in Ossietzky-Blätter. 11/2001 (Seite 367 – 370)

Brigitte Rothert speist gern in der »Restauration Tucholsky« an der Torstraße, Ecke Tucholsky Straße im Berliner Bezirk Mitte. Da ist alles frisch, was der Koch in die Topfe und Pfannen füllt, die Zubereitung braucht ihre Zeit, und derweil können sich die Gäste an Tucholsky-Zitaten, an Fotos des Dichters und allerlei Dokumenten aus seinem Leben ergötzen. Die Wände des Lokals sind voll davon.

Gern besucht Brigitte Rothert auch die Tucholsky-Bibliothek an der Esmarchstraße im Stadtteil Prenzlauer Berg. Und sie lässt keine Vorstellung des Zimmertheaters Karlshorst im Stadtteil Lichtenberg aus, wo ihr Freund Wolfgang Helfritsch als Regisseur und Hauptdarsteller wirkt; der ist wie sie in der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft aktiv und hat einen Tucholsky-Abend im Repertoire. Eng ans Herz gewachsen ist ihr in den letzten Jahren eine Gesamtschule in Minden (Westfalen), die nach Tucholsky benannt ist. Wenn sie dort oder anderswo temperamentvoll über »Kurtchen« redet, kann es so klingen, als wäre er ihr Neffe gewesen und als hätte sie ihn in seinen frühesten Jahren auf ihren Knien geschaukelt. Eher hätte er, ein Vetter ihrer Mutter, sie schaukeln können, wenn er Deutschland nicht schon vor ihrer Geburt 1928 verlassen hätte. Aber sie erinnert sich an einen Besuch bei seiner Mutter 1939 in Berlin: ihrer Großtante Doris, deren Leben vier Jahre später im KZ Theresienstadt endete.

Was die letzte Überlebende der Familie über den berühmten Autor zu erzählen hat, ist zum Teil angelesen, aber sie vermittelt es so lebhaft und lebensklug, so frei von andächtigen Tönen, so direkt und gelegentlich auch ein bisschen schnoddrig, dass es eine Freude ist, ihr zuzuhören; und sie kennt sich in dem Thema wirklich gut aus. Ihre wichtigste Geschichte jedoch, auf die sie nicht so schnell zu sprechen kommt, ist die ihres »arischen« Vaters und ihrer »jüdischen« Mutter und des einzigen gemeinsamen Kindes: ihre eigene Geschichte.

Ihre eigene Geschichte

Als sie gerade sechs Jahre alt war, ließ sich der Vater, Architekt in Dresden, von der Mutter scheiden - nicht lange nachdem die Nazis an die Regierung gelangt waren. Schon vorher war er in die NSDAP und SA eingetreten. Eines Tages forderte die Mutter .sie auf: »Sag ,Auf Wiedersehen' zu Vati, wir ziehen fort. Er bleibt ohne uns hier.« Immerhin überließ er ihnen eine Wohnung in der Nähe, die ihm gehörte. Bald darauf heiratete er eine 23 Jahre jüngere Frau, die zwei Kinder bekam. Er begann, seine Unterhaltspflichten zu vernachlässigen. Brigittes Mutter, die gegen ihn prozessieren musste, erkrankte an Lungentuberkulose; für einige Monate verschwand sie im Schwarzwald in dem einzigen Sanatorium, das noch Menschen aufnahm, die nach Nazi-Definition Juden waren. Derweil wurde auch das Kind krank: Ein Ekzem breitete sich über den ganzen Körper aus. Aus jener Zeit behielt Brigitte Rothert im Gedächtnis, wie sie einmal beim Vater zum Essen war. »Es klingelte. Vater ging die Tür öffnen. Da sagte seine neue Frau zu mir: Dass Du jetzt ja nicht Vati sagst.«

Brigitte war getauft, wie auch die Mutter schon als Kind getauft worden war. In der Schule nahm sie am evangelischen Religionsunterricht teil. Da machte der Lehrer unverständliche Anspielungen. Er sagte zum Beispiel, Brigitte müsse sich doch im Alten Testament besonders gut auskennen. Erst am Tage nach der Reichspogromnacht, sie war zehn Jahre alt, erzählte ihr die Mutter von ihrer Herkunft: Sie war Deutsche, in Deutschland geboren, christlichen Glaubens. Von der jüdischen Religion hatte sie keine Vorstellungen. Sie war nie in die Synagoge gegangen, hatte die jüdischen Feiertags- oder Küchengebote nie beachtet; sie kannte sie gar nicht. Doch in den Nürnberger Rassegesetzen stand: Jude sei, wer mindestens drei der »Rasse« nach »volljüdische« Großeltern habe. Brigittes Mutter hatte vier.

Die systematische Entrechtung begann. Die Mutter erhielt die »Judenkennkarte«. Brigitte erfuhr, dass ihr als »Mischling eisten Grades« nach der vierten Klasse jeder höhere Schulbildungsweg versperrt war. Nachdem sie sich hatte prüfen lassen, sagte der Lehrer vor der ganzen Klasse: »Du hast natürlich bestanden, aber aus rassischen Gründen wirst Du nicht aufgenommen.« Nie wird Brigitte Rothert vergessen, wie Klassenkameradinnen sie nachher auf der Straße verspotteten und drangsalierten, sogar mit Steinen nach ihr warfen.

Reichspogromnacht

Die jüdischen Männer, die nach der Reichspogromnacht eingesperrt worden waren, kehrten - fast alle - nach einigen Wochen mit geschorenen Köpfen zurück. Aus dem KZ Buchenwald kam damals Onkel Rudi, ein Bruder ihrer Mutter. Mit seiner »arischen« Freundin hatte er sich »im kleinen Grenzverkehr«  zu einem Tagesausflug in die Tschechoslowakei verabredet. Bei der Rückkehr wurde er festgenommen. Wegen »Rassenschande« sperrte man ihn ins Zuchthaus Zwickau, dann in das KZ bei Weimar. Er wurde freigelassen, weil Verwandte im Ausland sich erfolgreich darum bemüht hatten, dass er in die USA auswandern konnte. Die letzten drei Wochen, bevor das Schiff in Hamburg ablegte, wollte er bei seiner Schwester verbringen. »Nach einigen Tagen«, berichtet Brigitte Rothert, »erhielten wir einen Brief meines Vaters: Der KZ-Jude Tucholsky solle so schnell wie möglich sein Haus verlassen, andernfalls werde uns fristlos gekündigt.«

Auch Brigittes Mutter wollte nun auswandern. In Australien fand sich jemand bereit, sie als Hausmädchen anzustellen und für sie zu bürgen - aber nicht für das Kind. Die Mutter entschloss sich, mit Hilfe der christlichen Gemeinschaft der Quäker Brigitte zeitweilig in Schottland unterzubringen, um sie später nach Australien nachzuholen. Für diese Pläne mussten viele Papiere besorgt werden. Das kostete viel Zeit. Im Oktober 1939 sollte das Schiff nach Australien auslaufen. Mit dem Kriegsbeginn am 1. September zerschlugen sich die Hoffnungen.

Die Mutter, die statt Anne-Marie jetzt amtlich Anne-Marie Sara hieß, durfte die Stadt nicht mehr verlassen, kein Kino, kein Museum, keine Bibliothek, kein Restaurant mehr besuchen, in keinem Park mehr spazieren gehen, im Sommer nach 21 Uhr, im Winter nach 20 Uhr die Straße nicht mehr betreten. Nach einem ersten Verhör bei der Gestapo musste sie ihr Radio abliefern.

Erniedrigungen

Eine Erniedrigung folgte der anderen. Für die Mutter wurde es auch immer schwieriger, Arbeit zu finden, um sich und die Tochter zu ernähren. Eine Nachbarin terrorisierte die beiden. Eines Tages hing an der Wohnungstür ein Schild: »Hier wohnt eine Jüdin«. Später bei Fliegeralarm durften die beiden nicht mit den anderen Hausbewohnern im Luftschutzkeller sitzen. Und dann befahl die Gestapo den Umzug in ein Zimmer in einem »Judenhaus«.

Brigitte Rotherts weitere Geschichte enthält viele Details, die wir so oder ähnlich aus Victor Klemperers Tagebüchern kennen: Der Gestapo-Mann, der eine 80jährige Jüdin ohrfeigt. Die Hausdurchsuchung, bei der die Polizisten Wäschestücke zerschneiden, Fotografien von Angehörigen in kleinste Schnipsel zerreißen und sich mit den Worten verabschieden, bis zum nächsten Morgen müsse alles in Ordnung gebracht werden, sie kämen kontrollieren. Der dumme, brutale Nachbarssohn Clemens, der als Amtsperson den Juden den Strick empfiehlt, weil alles andere, zum Beispiel Gas, für sie noch zu wertvoll sei.

Brigitte, die keinen Beruf erlernen darf, verdient als Hilfskraft einige Mark im Monat; dafür muss sie sich von früh bis spät abrackern, auch am Wochenende, nur der Sonntagnachmittag ist frei. Die Mutter erhält wieder eine Vorladung zur Gestapo: In ihrer Handtasche hat man eine nicht abgeschickte Postkarte gefunden, die drauf hindeutet, dass sie noch Kontakt zu einer »Arierin« hat. Die zweite Frau des Vaters horcht Brigitte bei einem zufälligen Treffen auf der Straße nach weiteren Kontakten der Mutter aus. Was das Kind ihr arglos erzählt, wird kurz darauf der Mutter von den sadistischen Verhörern vorgehalten. Erst nach vier Wochen wird sie aus der Gestapo-Haft freigelassen; alle ihre Zellengenossinnen werden umgebracht. Und aus dem »Judenhaus« wird eine Mitbewohnerin nach der anderen in den Osten abtransportiert, zu den Stätten der Massenvernichtung.

Solange Brigitte als christliches Kind bei der Mutter lebt, sind beide vor der Vernichtung geschützt. Würde sie sich zum jüdischen Glauben bekennen (der »Mischling ersten Grades« würde nach den Nürnberger Gesetzen so zum »Geltungsjuden«), dann wäre es mit diesem Schutz sofort vorbei. Wenn das Kind aber sagen würde, ich halle es hier nicht mehr aus, ich gehe zum Vater, wäre die Mutter auch sofort verloren. »Das Leben meiner Mutter«, erklärt Brigitte Rothert, »hing an mir. Wir wussten nur nicht, bis zu welchem Alter des Kindes dieses Privileg für die Mutter galt. Heute weiß ich es: bis zum 16. Lebensjahr.«

1945, Brigitte ist 16

Am 13. Februar 1945, Brigitte ist 16, kommt die Nachricht: Am 16. soll die Mutter zum Abtransport antreten. Victor Klemperer sagt sarkastisch: »Euch schafft man noch fort, uns stellt man dann gleich hier an die Wand.« Aber die Letzten im Judenhaus werden gerettet - durch den schrecklichen Bombenangriff der Royal Air Force, der mit der Stadt auch das Nazi-Herrschaftsgefüge in Dresden zerstört.

»Während der Verfolgung gab es nur ganz wenige Deutsche, die zu uns standen - alle anderen waren für uns die Feinde, ringsum«, resümiert Brigitte Rothert. Vom Vater weiß sie (sie hat es schriftlich), dass er sie im Unterhalts verfahren als „Judenstämmling“zeichnet hat: Wenn er für die Tochter aus erster Ehe viel zahlen müsse, sei das zum Nachteil seiner arischen Kinder aus zweiter Ehe; das dürfe doch nicht sein. Später sprach sie mit dem Vater nie ein Wort über die Nazi-Zeit - »ich war wohl zu feige«.

Die Mutter hoffte nun ihre Pläne von 1938 verwirklichen zu können. Sie wollte zu ihrem Bruder Rudi auswandern, wurde aber wegen ihrer TBC von den US-Behörden abgewiesen. Sie arbeitete dann bei der Dresdener Stadtverwaltung im Sozialamt, lebte zurückgezogen, ging weiterhin weder ins Kino noch ins Theater. Sie sagte: »Ich setze mich nicht neben Leute, die mich gestern noch umbringen wollten«, erinnert sich Brigitte Rothert und fügt hinzu: »Das war auch mein Problem mit deutschen Männern.« Der Vater arbeitete unter Leitung des berühmten Architekten Henschmann am Aufbau Ost-Berlins mit. Der brutale Nachbarssohn Clemens machte in Westdeutschland Karriere. Brigitte Rothert selber erhielt die Möglichkeit, in einem Schnellkurs Russischlehrerin zu werden. Der DDR ist sie dankbar für die Achtung, die den Verfolgten des Nazi-Regimes von Gesetz wegen erwiesen wurde; auch für manchen Vorteil wie unentgeltliche Benutzung von Bussen und Straßenbahnen, der ihnen nach der »Wende« rasch entzogen wurde; und bald verschwanden manche Gedenktafeln, die in DDR-Zeiten angebracht worden waren, um an ermordete Antifaschisten zu erinnern. Heute, längst pensioniert, bringt Brigitte Rothert aus Russland zuwandernden Jüdinnen und Juden Deutsch bei - in der Oranienburger Straße, gleich um die Ecke von der Tucholskystraße in Berlin-Mitte.

Brigitte Rothert-Tucholsky liest Tucholsky

Hörbuch

Sie hat ihren Cousin nie kennen gelernt, weil er schon vor ihrer Geburt 1928 Deutschland in Richtung Schweden verlassen hatte.

"Was die letzte Überlebende der Familie über den berühmten Autor zu erzählen hat, ist zum Teil angelesen, aber sie vermittelt es so schnoddrig, dass es eine Freude ist, ihr zuzuhören; und sie kennt sich in dem Thema wirklich gut aus," schreibt der Journalist Eckard Spoo.

Sie überlebt den 2. Weltkrieg, wird in das DDR Lehrerin für Russisch und engagiert sich als Kulturschaffende.

Heute lebt sie als Rentnerin in Berlin und arbeitet in der Tucholsky-Gesellschaft mit.

Wer mehr wissen möchte: Die Letzte der Familie Tucholsky (E. Spoo)

Besonders am Herzen liegt ihr die Verbreitung der Gedanken und Ideen Kurt Tucholskys an Jugendliche. Als „Schulpatin“ besucht sie zu passenden Gelegenheiten ( Tuchos Geburtstag, Premieren der Tucholsky Bühne, Sommerfeste ) – wenn es ihr angeschlagene Gesundheit erlaubt - unsere Schule.

Bei einem solchen Besuch entstanden die Aufnahmen zu dem „Hörbuch“:

Brigitte Rothert-Tucholskyverwandt

Brigitte Rothert-Tucholsky
– engagierte Großcousine von Kurt Tucholsky

  An das Publikum

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 Die Leibesfrucht spricht

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 Der Mensch

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  Die Familie

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  Ratschläge für einen schlechten Redner

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  Ratschläge für einen guten Redner

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  Die Zentrale

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  Der Floh

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  Der alte Fontane

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  Bürgerliches Zeitalter

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  Augen in der Großstadt

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  Die brennende Lampe

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  Die Flecke

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  Die Heimat

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  Danach

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  Blick in ferne Zukunft

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  Gruß nach vorn

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Eigenhändige Vita Kurt Tucholskys

Einbürgerungsantrag zur Erlangung der schwedischen Staatsbürgerschaft

Quelle: Hans Prescher, Tucholsky Lesebuch, Wir Negativen, Hamburg 1988

Dr. jur. Kurt Tucholsky, Hindås, 22-1-1934

Kurt Tucholsky wurde am 9. Januar 1890 als Sohn des Kaufmanns Alex Tucholsky und seiner Ehefrau, Doris, geborene Tucholski, in Berlin geboren. Er besuchte Gymnasien in Stettin und in Berlin und bestand im Jahre 1909 die Reifeprüfung. Er studierte in Berlin und in Genf Jura und promovierte im Jahre1914 in Jena cum laude mit einer Arbeit über Hypothekenrecht.

Im April 1915 wurde T. zum Heeresdienst eingezogen; er war dreieinhalb Jahre Soldat (die Papiere über seine Militärzeit liegen bei). Zuletzt ist T. Feldpolizeikommissar bei der Politischen Polizei in Rumänien gewesen.

Nach dem Kriege war T. unter Theodor Wolff, dem Chefredakteur des Berliner Tageblatt, Leiter der humoristischen Beilage dieses Blattes, des Ulk, vom Dezember 1918 bis zum April 1920.

Während der Inflation, als ein schriftstellerischer Verdienst in Deutschland nicht möglich gewesen ist, nahm T. eine Anstellung als Privatsekretär des früheren Finanzministers Hugo Simon an (in der Bank Bett, Simon & Co. in Berlin).

Im Jahre 1924 ging T. als fester Mitarbeiter der Berliner Wochenschrift Die Weltbühne und der Vossischen Zeitung nach Paris, wo er sich bis zum Jahre 1929 aufhielt. Er ist dort Mitglied der «Association Syndicale de la Presse étrangère» gewesen. Seine Carte d'identité liegt bei.

Nachdem T. bereits als Tourist längere Sommeraufenthalte in Schweden genommen hatte (1928 in Kivik, Skane, und fünf Monate im Jahre 1929 bei Mariefred), mietete er im Sommer 1929 eine Villa in Hindås, um sich ständig in Schweden niederzulassen. (Der Mietvertrag liegt bei.) Er bezog das Haus, das er ab 1. Oktober 1929 gemietet hat, im Januar 1930 und wohnt dort ununterbrochen bis heute. Er hat sich in Schweden schriftstellerisch oder politisch niemals betätigt. Zahlreiche Reisen, die zu seiner Information und zur Behebung eines hartnäckigen Halsleidens dienten, führten ihn nach Frankreich, nach England (Papier anliegend), nach Österreich und nach der Schweiz. Sein fester Wohnsitz ist seit Januar 1930 Hindås gewesen, wo er seinen gesamten Hausstand und seine Bibliothek hat.

T. hat im Jahre 1920 in Berlin Fräulein Dr. med. Else Weil geheiratet; die Ehe ist am 14. Februar 1924 rechtskräftig geschieden. Am 30. August 1924 hat T. Fräulein Mary Gerold geheiratet; die Ehe ist am 21. August 1933 rechtskräftig geschieden. T. hat keine Kinder sowie keine unterstützungsberechtigten Verwandten, die seinen Aufenthalt in Schweden gesetzlich teilen könnten.

Tucholsky hat zu den bestbezahlten deutschen Journalisten gehört. Seit dem Jahre 1931 hat er so gut wie nichts publiziert. Seine in Deutschland befindlichen Vermögenswerte sind laut Bekanntmachung im Deutschen Reichsanzeiger vom 25. August 1933 beschlagnahmt worden (Verlagsrechte, Honorare pp.). T. hat ein Konto bei der Skandinaviska Kredit A. B. in Göteborg, seit er in Schweden ist, und ein Konto bei der Schweizerischen Kredit-Anstalt in Zürich, um über Geld auf Reisen verfügen zu können. Er hat keinerlei Schuldverpflichtungen, wie auch die Göteborger Firmen bezeugen können, bei denen er die Einrichtung seiner Wohnung vorgenommen hat und bei denen er seinen Hausbedarf deckt.

Dass T. Angebote von Verlagen und Zeitschriften zur Zeit abgewiesen hat, hängt mit seiner literarischen Entwicklung zusammen.

Tucholsky hat seine literarische Tätigkeit mit einer kleinen Geschichte «Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte» begonnen, das im Jahre 1912 in Berlin erschienen ist und heute im 120. Tausend vorliegt. An Büchern hat er bis heute ferner erscheinen lassen:

  • «Der Zeitsparer» 1913 Vergriffen

  • «Fromme Gesänge» 1920 Vergriffen

  • «Träumereien an preußischen Kaminen» 1920 Vergriffen

  • «Ein Pyrenäenbuch» 1927 11. Auflage

  • «Mit 5 PS» 1925 26. Auflage

  • «Das Lächeln der Mona Lisa» 1928 26. Auflage

  • «Deutschland, Deutschland über alles» 1929 50. Auflage

  • «Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte» 1931 50. Auflage

  • «Lerne lachen ohne zu weinen» 1931 20. Auflage.

Das «Deutschland-Buch ist im Neuen Deutschen Verlag in Berlin erschienen; «Rheinsberg» bei der Singer A. G. in Berlin - alle anderen Werke bei Ernst Rowohlt in Berlin.

Im Jahre 1913 hat Tucholsky seine feste Mitarbeit an der Berliner Wochenschrift Die Weltbühne begonnen, die damals noch Die Schaubühne hieß; diese Mitarbeit erstreckte sich bis zum Jahre 1931. Dem im Jahre 1926 verstorbenen Herausgeber des Blattes, Siegfried Jacobsohn, verdankt Tucholsky alles, was er geworden ist. Nach dem Tode Jacobsohns hat er das Blatt kurze Zeit selber herausgegeben, um es dann seinem Gesinnungsfreunde Carl von Ossietzky abzutreten.

T. hat sich ferner als freier Mitarbeiter für den sozialdemokratischen Vorwärts in Berlin, für die sozialdemokratische Freiheit, den Simplicissimus und die Arbeiter-Illustrierte Zeitung betätigt; er hat gelegentlich im Verlage Ullstein am Uhu, an der Berliner Illustrierten Zeitung und an der Dame mitgearbeitet.

Neben der literarischen Arbeit hat sich T. vom Jahre 1913 bis zum Jahre 1930 als Pazifist schärfster Richtung in Deutschland betätigt. Seine Betätigung in dieser Richtung bewegte sich im Rahmen der Gesetze - er ist nicht bestraft. T. hat in Deutschland und in Frankreich durch zahlreiche Vorträge für die deutsch-französische Verständigung zu wirken versucht; er hat gegen die Kriegshetzerei gearbeitet, wo er nur konnte: mit feinen und leisen Mitteln in der Kunst und mit den gröbsten für die Massen. In diesem Kampfe ist es ihm um die Wirkung zu tun gewesen, und diese Wirkung ist bei Freund und Feind gleich stark gewesen. Da die öffentliche Meinung, wenn die Geschäfte nicht gut gehen, gern alles, was ihr nicht passt, als «bolschewistisch» ansieht, so wurde T. mitunter als Kommunist bezeichnet. Das ist unrichtig: er war nach dem Kriege Mitglied der unabhängigen sozialdemokratischen Partei, und nach deren Verschmelzung mit der sozialdemokratischen Partei Mitglied der SPD. Andern Parteien hat er nicht angehört.

Solange sich T. an Deutschland gebunden fühlte, hat er als Deutscher und in Deutschland das, was er dort für nicht gut hielt, kritisiert. Seine publizistische Tätigkeit hat im Jahre 1931, also lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ihr vorläufiges Ende gefunden. Trotzdem wurde ihm zwei Jahre später die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Die Aberkennung erfolgte wegen der pazifistischen Tätigkeit Tucholskys; sie hat ihren Grund ferner in einem Angriff, den T. im Jahre 1931 in Versen gegen einen der Führer der Nationalsozialisten gerichtet hat. Die Aberkennung geschah unter Angriffen des deutschen Propagandaministeriums auf Tucholsky, die jedes Maß, das unter zivilisierten Menschen üblich ist, überschritten haben. Eine Antwort auf diese Angriffe ist von Seiten Tucholskys nicht erfolgt.

Die Aberkennung der Staatsangehörigkeit beruft sich auf ein Reichsgesetz vom 14.Juli 1933. T. hat sich weder seit diesem Tage noch überhaupt zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten öffentlich geäußert. Die Aberkennung der Staatsangehörigkeit, die als Strafe gedacht ist, stellt also einen Rechtsbruch dar, einen Bruch des obersten Grundsatzes aller Strafjustiz: nulla poena sine lege (= keine Strafe ohne Gesetz).

Dr. Tucholsky ist im Begriff, seine schwedischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Er hat den Wunsch, die schwedische Staatsangehörigkeit zu erwerben, falls dies zulässig ist.

Kurt Tucholsky

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