Die Letzte der Familie Tucholsky

Autor: Eckhard Spoo, in Ossietzky-Blätter. 11/2001 (Seite 367 – 370)

Brigitte Rothert speist gern in der »Restauration Tucholsky« an der Torstraße, Ecke Tucholsky Straße im Berliner Bezirk Mitte. Da ist alles frisch, was der Koch in die Topfe und Pfannen füllt, die Zubereitung braucht ihre Zeit, und derweil können sich die Gäste an Tucholsky-Zitaten, an Fotos des Dichters und allerlei Dokumenten aus seinem Leben ergötzen. Die Wände des Lokals sind voll davon.

Gern besucht Brigitte Rothert auch die Tucholsky-Bibliothek an der Esmarchstraße im Stadtteil Prenzlauer Berg. Und sie lässt keine Vorstellung des Zimmertheaters Karlshorst im Stadtteil Lichtenberg aus, wo ihr Freund Wolfgang Helfritsch als Regisseur und Hauptdarsteller wirkt; der ist wie sie in der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft aktiv und hat einen Tucholsky-Abend im Repertoire. Eng ans Herz gewachsen ist ihr in den letzten Jahren eine Gesamtschule in Minden (Westfalen), die nach Tucholsky benannt ist. Wenn sie dort oder anderswo temperamentvoll über »Kurtchen« redet, kann es so klingen, als wäre er ihr Neffe gewesen und als hätte sie ihn in seinen frühesten Jahren auf ihren Knien geschaukelt. Eher hätte er, ein Vetter ihrer Mutter, sie schaukeln können, wenn er Deutschland nicht schon vor ihrer Geburt 1928 verlassen hätte. Aber sie erinnert sich an einen Besuch bei seiner Mutter 1939 in Berlin: ihrer Großtante Doris, deren Leben vier Jahre später im KZ Theresienstadt endete.

Was die letzte Überlebende der Familie über den berühmten Autor zu erzählen hat, ist zum Teil angelesen, aber sie vermittelt es so lebhaft und lebensklug, so frei von andächtigen Tönen, so direkt und gelegentlich auch ein bisschen schnoddrig, dass es eine Freude ist, ihr zuzuhören; und sie kennt sich in dem Thema wirklich gut aus. Ihre wichtigste Geschichte jedoch, auf die sie nicht so schnell zu sprechen kommt, ist die ihres »arischen« Vaters und ihrer »jüdischen« Mutter und des einzigen gemeinsamen Kindes: ihre eigene Geschichte.

Ihre eigene Geschichte

Als sie gerade sechs Jahre alt war, ließ sich der Vater, Architekt in Dresden, von der Mutter scheiden - nicht lange nachdem die Nazis an die Regierung gelangt waren. Schon vorher war er in die NSDAP und SA eingetreten. Eines Tages forderte die Mutter .sie auf: »Sag ,Auf Wiedersehen' zu Vati, wir ziehen fort. Er bleibt ohne uns hier.« Immerhin überließ er ihnen eine Wohnung in der Nähe, die ihm gehörte. Bald darauf heiratete er eine 23 Jahre jüngere Frau, die zwei Kinder bekam. Er begann, seine Unterhaltspflichten zu vernachlässigen. Brigittes Mutter, die gegen ihn prozessieren musste, erkrankte an Lungentuberkulose; für einige Monate verschwand sie im Schwarzwald in dem einzigen Sanatorium, das noch Menschen aufnahm, die nach Nazi-Definition Juden waren. Derweil wurde auch das Kind krank: Ein Ekzem breitete sich über den ganzen Körper aus. Aus jener Zeit behielt Brigitte Rothert im Gedächtnis, wie sie einmal beim Vater zum Essen war. »Es klingelte. Vater ging die Tür öffnen. Da sagte seine neue Frau zu mir: Dass Du jetzt ja nicht Vati sagst.«

Brigitte war getauft, wie auch die Mutter schon als Kind getauft worden war. In der Schule nahm sie am evangelischen Religionsunterricht teil. Da machte der Lehrer unverständliche Anspielungen. Er sagte zum Beispiel, Brigitte müsse sich doch im Alten Testament besonders gut auskennen. Erst am Tage nach der Reichspogromnacht, sie war zehn Jahre alt, erzählte ihr die Mutter von ihrer Herkunft: Sie war Deutsche, in Deutschland geboren, christlichen Glaubens. Von der jüdischen Religion hatte sie keine Vorstellungen. Sie war nie in die Synagoge gegangen, hatte die jüdischen Feiertags- oder Küchengebote nie beachtet; sie kannte sie gar nicht. Doch in den Nürnberger Rassegesetzen stand: Jude sei, wer mindestens drei der »Rasse« nach »volljüdische« Großeltern habe. Brigittes Mutter hatte vier.

Die systematische Entrechtung begann. Die Mutter erhielt die »Judenkennkarte«. Brigitte erfuhr, dass ihr als »Mischling eisten Grades« nach der vierten Klasse jeder höhere Schulbildungsweg versperrt war. Nachdem sie sich hatte prüfen lassen, sagte der Lehrer vor der ganzen Klasse: »Du hast natürlich bestanden, aber aus rassischen Gründen wirst Du nicht aufgenommen.« Nie wird Brigitte Rothert vergessen, wie Klassenkameradinnen sie nachher auf der Straße verspotteten und drangsalierten, sogar mit Steinen nach ihr warfen.

Reichspogromnacht

Die jüdischen Männer, die nach der Reichspogromnacht eingesperrt worden waren, kehrten - fast alle - nach einigen Wochen mit geschorenen Köpfen zurück. Aus dem KZ Buchenwald kam damals Onkel Rudi, ein Bruder ihrer Mutter. Mit seiner »arischen« Freundin hatte er sich »im kleinen Grenzverkehr«  zu einem Tagesausflug in die Tschechoslowakei verabredet. Bei der Rückkehr wurde er festgenommen. Wegen »Rassenschande« sperrte man ihn ins Zuchthaus Zwickau, dann in das KZ bei Weimar. Er wurde freigelassen, weil Verwandte im Ausland sich erfolgreich darum bemüht hatten, dass er in die USA auswandern konnte. Die letzten drei Wochen, bevor das Schiff in Hamburg ablegte, wollte er bei seiner Schwester verbringen. »Nach einigen Tagen«, berichtet Brigitte Rothert, »erhielten wir einen Brief meines Vaters: Der KZ-Jude Tucholsky solle so schnell wie möglich sein Haus verlassen, andernfalls werde uns fristlos gekündigt.«

Auch Brigittes Mutter wollte nun auswandern. In Australien fand sich jemand bereit, sie als Hausmädchen anzustellen und für sie zu bürgen - aber nicht für das Kind. Die Mutter entschloss sich, mit Hilfe der christlichen Gemeinschaft der Quäker Brigitte zeitweilig in Schottland unterzubringen, um sie später nach Australien nachzuholen. Für diese Pläne mussten viele Papiere besorgt werden. Das kostete viel Zeit. Im Oktober 1939 sollte das Schiff nach Australien auslaufen. Mit dem Kriegsbeginn am 1. September zerschlugen sich die Hoffnungen.

Die Mutter, die statt Anne-Marie jetzt amtlich Anne-Marie Sara hieß, durfte die Stadt nicht mehr verlassen, kein Kino, kein Museum, keine Bibliothek, kein Restaurant mehr besuchen, in keinem Park mehr spazieren gehen, im Sommer nach 21 Uhr, im Winter nach 20 Uhr die Straße nicht mehr betreten. Nach einem ersten Verhör bei der Gestapo musste sie ihr Radio abliefern.

Erniedrigungen

Eine Erniedrigung folgte der anderen. Für die Mutter wurde es auch immer schwieriger, Arbeit zu finden, um sich und die Tochter zu ernähren. Eine Nachbarin terrorisierte die beiden. Eines Tages hing an der Wohnungstür ein Schild: »Hier wohnt eine Jüdin«. Später bei Fliegeralarm durften die beiden nicht mit den anderen Hausbewohnern im Luftschutzkeller sitzen. Und dann befahl die Gestapo den Umzug in ein Zimmer in einem »Judenhaus«.

Brigitte Rotherts weitere Geschichte enthält viele Details, die wir so oder ähnlich aus Victor Klemperers Tagebüchern kennen: Der Gestapo-Mann, der eine 80jährige Jüdin ohrfeigt. Die Hausdurchsuchung, bei der die Polizisten Wäschestücke zerschneiden, Fotografien von Angehörigen in kleinste Schnipsel zerreißen und sich mit den Worten verabschieden, bis zum nächsten Morgen müsse alles in Ordnung gebracht werden, sie kämen kontrollieren. Der dumme, brutale Nachbarssohn Clemens, der als Amtsperson den Juden den Strick empfiehlt, weil alles andere, zum Beispiel Gas, für sie noch zu wertvoll sei.

Brigitte, die keinen Beruf erlernen darf, verdient als Hilfskraft einige Mark im Monat; dafür muss sie sich von früh bis spät abrackern, auch am Wochenende, nur der Sonntagnachmittag ist frei. Die Mutter erhält wieder eine Vorladung zur Gestapo: In ihrer Handtasche hat man eine nicht abgeschickte Postkarte gefunden, die drauf hindeutet, dass sie noch Kontakt zu einer »Arierin« hat. Die zweite Frau des Vaters horcht Brigitte bei einem zufälligen Treffen auf der Straße nach weiteren Kontakten der Mutter aus. Was das Kind ihr arglos erzählt, wird kurz darauf der Mutter von den sadistischen Verhörern vorgehalten. Erst nach vier Wochen wird sie aus der Gestapo-Haft freigelassen; alle ihre Zellengenossinnen werden umgebracht. Und aus dem »Judenhaus« wird eine Mitbewohnerin nach der anderen in den Osten abtransportiert, zu den Stätten der Massenvernichtung.

Solange Brigitte als christliches Kind bei der Mutter lebt, sind beide vor der Vernichtung geschützt. Würde sie sich zum jüdischen Glauben bekennen (der »Mischling ersten Grades« würde nach den Nürnberger Gesetzen so zum »Geltungsjuden«), dann wäre es mit diesem Schutz sofort vorbei. Wenn das Kind aber sagen würde, ich halle es hier nicht mehr aus, ich gehe zum Vater, wäre die Mutter auch sofort verloren. »Das Leben meiner Mutter«, erklärt Brigitte Rothert, »hing an mir. Wir wussten nur nicht, bis zu welchem Alter des Kindes dieses Privileg für die Mutter galt. Heute weiß ich es: bis zum 16. Lebensjahr.«

1945, Brigitte ist 16

Am 13. Februar 1945, Brigitte ist 16, kommt die Nachricht: Am 16. soll die Mutter zum Abtransport antreten. Victor Klemperer sagt sarkastisch: »Euch schafft man noch fort, uns stellt man dann gleich hier an die Wand.« Aber die Letzten im Judenhaus werden gerettet - durch den schrecklichen Bombenangriff der Royal Air Force, der mit der Stadt auch das Nazi-Herrschaftsgefüge in Dresden zerstört.

»Während der Verfolgung gab es nur ganz wenige Deutsche, die zu uns standen - alle anderen waren für uns die Feinde, ringsum«, resümiert Brigitte Rothert. Vom Vater weiß sie (sie hat es schriftlich), dass er sie im Unterhalts verfahren als „Judenstämmling“zeichnet hat: Wenn er für die Tochter aus erster Ehe viel zahlen müsse, sei das zum Nachteil seiner arischen Kinder aus zweiter Ehe; das dürfe doch nicht sein. Später sprach sie mit dem Vater nie ein Wort über die Nazi-Zeit - »ich war wohl zu feige«.

Die Mutter hoffte nun ihre Pläne von 1938 verwirklichen zu können. Sie wollte zu ihrem Bruder Rudi auswandern, wurde aber wegen ihrer TBC von den US-Behörden abgewiesen. Sie arbeitete dann bei der Dresdener Stadtverwaltung im Sozialamt, lebte zurückgezogen, ging weiterhin weder ins Kino noch ins Theater. Sie sagte: »Ich setze mich nicht neben Leute, die mich gestern noch umbringen wollten«, erinnert sich Brigitte Rothert und fügt hinzu: »Das war auch mein Problem mit deutschen Männern.« Der Vater arbeitete unter Leitung des berühmten Architekten Henschmann am Aufbau Ost-Berlins mit. Der brutale Nachbarssohn Clemens machte in Westdeutschland Karriere. Brigitte Rothert selber erhielt die Möglichkeit, in einem Schnellkurs Russischlehrerin zu werden. Der DDR ist sie dankbar für die Achtung, die den Verfolgten des Nazi-Regimes von Gesetz wegen erwiesen wurde; auch für manchen Vorteil wie unentgeltliche Benutzung von Bussen und Straßenbahnen, der ihnen nach der »Wende« rasch entzogen wurde; und bald verschwanden manche Gedenktafeln, die in DDR-Zeiten angebracht worden waren, um an ermordete Antifaschisten zu erinnern. Heute, längst pensioniert, bringt Brigitte Rothert aus Russland zuwandernden Jüdinnen und Juden Deutsch bei - in der Oranienburger Straße, gleich um die Ecke von der Tucholskystraße in Berlin-Mitte.

Liebe Brigitte - alles Gute zum Geburtstag!Brigitte Rothert-Tucholsky wurde 80 Jahre alt

80 Jahre – und kein bisschen leise!. Das erfuhr die kleine Mindener Delegation, die Brigitte Rothert-Tucholsky in Berlin besuchte, um ihr zu ihrem „runden“ Geburtstag zu gratulieren.

Liebe Brigitte – alles Gute zum Geburtstag!

Die Großcousine von Kurt-Tucholsky, eine profunde Kennerin unseres Namensgebers, wurde „standesgemäß“ ins Tucholsky-Restaurant eingeladen. Lebhaft und in guter Stimmung erzählte sie von Situationen aus ihrem „bewegten“ Leben: geboren in der Weimarer Republik, gelitten unter den Nazis, aufgewachsen und als Russisch-Lehrerin gearbeitet in der DDR, den Fall der Mauer („antifaschistischer Schutzwall“) miterlebt und dem Leben unter veränderten Bedingungen im vereinigten Deutschland. Bernd Brüntrup hielt eine spontane Laudatio auf die Jubilarin und betonte ihre Eigenständigkeit und die freisinnige Meinung, die ihr auch manches Mal Ärger eingebracht hat. Ihr großes, persönliches Ziel, Leben und Werk ihres Groß-Cousins und der Familie Tucholsky in vielfältiger Weise einem interessierten Publikum näher zu bringen, verfolgt sie auch in der Gegenwart. So konnte sie vor kurzem einen Erfolg „verbuchen“: Das Grab der Eltern von Kurt Tucholsky wurde vom Senat der Stadt Berlin restauriert und im Rahmen einer Feierstunde der Öffentlichkeit vorgestellt. Natürlich war Brigitte Rothert-Tucholsky dabei eine der Hauptpersonen.

Tucholskys Werke

Tucholsky veröffentlichte seine Werke unter verschiedenen Pseudonymen: Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger und Kaspar Hauser.

Tucholsky war 25 Jahre (1907-1932) schriftstellerisch tätig. Er erstellte Gedichte, Chansons, Glossen, Erzählungen, einen Roman, Artikel, Essays und weitere kurze Texte, "Schnipsel" genannt.

Im Jahr 1919 veröffentlichte Tucholsky das Gedicht "Krieg dem Kriege". Das Gedicht spielt, wie viele seiner Werke, im 1. Weltkrieg. Es beschäftigt sich mit der Befehlsgewalt der Militärführung, die den einfachen Soldaten das Töten befiehlt und selbst ungeschoren davonkommt. Tucholsky ruft dazu auf, diesem Irrsinn ein Ende zu setzen und sich für eine friedliche Zukunft stark zu machen. Er sagt, man müsse "dem Krieg den Krieg" erklären.

Als nächstes veröffentlichte er 1924 das Werk "Vision", das in einer Zeit spielt, zu der Tucholsky in Paris lebte. Er macht sich Gedanken, wie er den Menschen, mit denen er tagtäglich zu tun hat (z.B. dem Milchmann oder dem Schaffner), im l.Weltkrieg gegenüber getreten wäre. Er wäre dann verpflichtet gewesen, diese Menschen zu töten, und die Franzosen wären verpflichtet gewesen, ihn zu töten. Alle wissen es, nur keiner redet darüber in dieser Zeit des Friedens. Tucholsky macht sich Gedanken, wie lange dieser Friedenszustand noch anhält oder ab wann sich diese friedlichen Menschen wieder in eine "tobende, heulende Masse" verwandeln und gegeneinander in den Krieg ziehen.

1928 erschien der Text "Kurt Tucholsky", in dem es nur eine Gegenüberstellung gibt, von dem, was Tucholsky (und seine Pseudonyme) liebt beziehungsweise. hasst.

"Das Dritte Reich", das war der Titel des Gedichtes, das 1930 veröffentlicht wurde. Der Text ist sehr sarkastisch verfasst, und handelt von der Entstehung des dritten Reiches: Es musste einfach mal wieder was Neues her, mit dem sich der nationale Mann identifizieren kann. Man müsse, statt massig, mehr rassisch werden und mehr national denken. Tucholsky schreibt auch von der "Rückeroberung" der Sudentendeutschen, der Saardeutschen, Eupendeutschen und Dänendeutschen. Und um diese Ziele zu erreichen braucht man eben den Krieg...

Schon ein Jahr später (1931) erschien das nächste Gedicht unter dem Titel "Joebbels".

Das Gedicht ist im "Berliner Dialekt" geschrieben und handelt von Joseph Goebbels, der ab 1933 Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" war. Goebbels war Mitglied der NSDAP. In seinem Gedicht zieht Tucholsky Goebbels "mächtig durch den Kakao": Er sagt, Goebbels sei bloß ein "ganz kleines Licht", welches man wohl "zu früh aus dem Nest" genommen habe. Tucholsky sagt, Goebbels habe nur "eine mächtig große Fresse", sei nicht "ganz richtig" und kein Führer, sondern nur ein "Porzellanzerschmeißer". Auffällig an diesem Gedicht ist die etwas "derbe" Ausdrucksweise und der "Berliner Slang". Dadurch hebt sich das Gedicht von den sonst üblichen Schreibweisen in Gedichten besonders ab.

Im gleichen Jahr wie "Joebbels", also 1931, erschien das Gedicht "An das Publikum". Tucholsky hat hier wieder ein sehr sarkastisches Gedicht geschrieben. Es handelt "von den dummen Menschen", dem Publikum, das sich alles vorsetzen lässt, wovon die Unternehmer sagen "Das Volk will es so '". Er geht mit dem Volk hart ins Gericht und stellt es als unmündige Feiglinge dar, das sich aus Angst vor den Konsequenzen und den Reichsverbänden "ganz ruhig" verhält. Tucholsky ist der Meinung, dass ein Volk, welches sich nicht gegen solche Machenschaften wehrt, selbst Schuld an seiner Situation ist.

"Was darf Satire?". So heißt der 1919 erschienene "Schnipsel" von Tucholsky. In diesem Text setzt er sich ausführlich mit dem Begriff "Satire" auseinander. Er beschreibt, was Satire ist, und welche Ziele sie verfolgt. Er kam zu dem Schluss, dass die Satire in Deutschland ein noch viel zu schlechtes Ansehen hat, dass das deutsche Volk mit Satire nicht umgehen könne und das die Nachbarländer schon viel "verwachsener" mit der Satire sind, was z.B. Propagandaplakate in Frankreich deutlich machen. Zum Schluss des Textes stellt Tucholsky noch einmal die Frage "Was darf Satire ?" und liefert gleich die Antwort: Alles !

Doch 1932 "erweiterte" er seinen 1919 erschienenen Text "Was darf Satire ?". Er schrieb nun, dass auch Satire ihre Grenzen habe und zwar nach oben hin beim Buddha und nach unten hin bei den faschistischen Mächten in Deutschland, da man, so Tucholsky wörtlich, "mit Satire gar nicht so tief schießen kann".

Zum Thema Satire gab es 1928 auch eine Entscheidung des Reichsgerichts vom 05.06.1928, die besagt, dass Satire eine starke Übertreibung des Inhaltes darstellt. Die Satire muss aber als solche zu erkennen sein, d.h. ein Leser oder Beschauer muss den tatsächlichen Inhalt der Satire erkennen können. Das Gericht entschied auch, dass eine Satire keine strafbare Handlung darstellt. Um herauszufinden, ob ein Text eine strafbare Handlung, im besonderen eine Beleidigung enthält, muss zuerst der satirische Text entfernt werden, damit dann der "Rohtext" beurteilt werden kann.

Ziele seines Wirkens

Tucholsky wollte mit seinen satirischen und "bissigen" Texten die Menschen zum Nachdenken und zum Überdenken ihrer eigenen Situation anregen. Tucholsky beschäftigte sich in seinen Texten viel mit dem l.Weltkrieg und mit dem Nationalsozialismus. Gerade in dieser Zeit war es für einen Schriftsteller gefährlich, sich in so satirischer und sarkastischer Weise mit diesen Themen, besonders dem Nationalsozialismus, auseinander zusetzen.

Meinungen über Tucholsky

Bei Alexej Tolstoi hatte Tucholsky eine schlechte "Stellung"(?). Tolstoi sagte, Tucholsky könne "der Heine des 20. Jahrhunderts" werden.

Josef Nadler war der nächste, der sich gegen Tucholsky wandte: Er meinte, dass noch nie ein Volk jemals so geschmäht worden sei wie das deutsche durch Tucholsky.

Golo Mann erklärte, dass es Tucholsky an Takt, Bescheidenheit und an Schöpferkraft fehle und das es in den 20er Jahren eher zu viele von Tucholskys "Art" gegeben habe.

Es gab aber auch Menschen, die Tucholsky und seine Werke sehr zu schätzen wissen, wie z.B. Wilhelm Herzog. Dieser sagte 1936, dass Tucholsky ein Schriftsteller mit ungewöhnlicher Begabung war. Tucholsky trug zu kritischer Vernunft mit überlegener Heiterkeit bei und bereicherte das Leben vieler Leser.

Auch Arnold Zweig äußerte sich positiv über Tucholsky: Er bezeichnete ihn als "einen bezaubernden Schriftsteller".

Für Ernst Rowohlt war Tucholsky einer der liebsten Autoren, der ein warmblütiger und in jedem Sinne menschlicher Freund gewesen sei.

Georg Grosz sagte über Tucholsky, dass dieser einer der wenigen war, die den wirklichen Berliner Witz verstanden und auch wirkliche Berliner Dialoge schreiben konnte.

Brigitte Rothert-Tucholsky liest Tucholsky

Hörbuch

Sie hat ihren Cousin nie kennen gelernt, weil er schon vor ihrer Geburt 1928 Deutschland in Richtung Schweden verlassen hatte.

"Was die letzte Überlebende der Familie über den berühmten Autor zu erzählen hat, ist zum Teil angelesen, aber sie vermittelt es so schnoddrig, dass es eine Freude ist, ihr zuzuhören; und sie kennt sich in dem Thema wirklich gut aus," schreibt der Journalist Eckard Spoo.

Sie überlebt den 2. Weltkrieg, wird in das DDR Lehrerin für Russisch und engagiert sich als Kulturschaffende.

Heute lebt sie als Rentnerin in Berlin und arbeitet in der Tucholsky-Gesellschaft mit.

Wer mehr wissen möchte: Die Letzte der Familie Tucholsky (E. Spoo)

Besonders am Herzen liegt ihr die Verbreitung der Gedanken und Ideen Kurt Tucholskys an Jugendliche. Als „Schulpatin“ besucht sie zu passenden Gelegenheiten ( Tuchos Geburtstag, Premieren der Tucholsky Bühne, Sommerfeste ) – wenn es ihr angeschlagene Gesundheit erlaubt - unsere Schule.

Bei einem solchen Besuch entstanden die Aufnahmen zu dem „Hörbuch“:

Brigitte Rothert-Tucholskyverwandt

Brigitte Rothert-Tucholsky
– engagierte Großcousine von Kurt Tucholsky

An das Publikum

Die Leibesfrucht spricht

Der Mensch

Die Familie

Ratschläge für einen schlechten Redner

Ratschläge für einen guten Redner

Die Zentrale

Der Floh

Der alte Fontane

Bürgerliches Zeitalter

Augen in der Großstadt

Die brennende Lampe

Die Flecke

Die Heimat

Danach

Blick in ferne Zukunft

Gruß nach vorn

 

Biographische Annäherung

Michael Hepp über Tucholsky: Meistgehasst und meistgeliebter Publizist in der Weimarer Republik

aus Michael Hepp: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen. Hamburg 1993. S. 11 – 14

«... das breite Publikum will den Unfehlbaren, den, der sich nie irrt» Kurt Tucholsky 1931

Tucholsky, der linke Pamphletist, da prophetische Warner, der leidenschaftliche und bissige Kritiker, der moralische Zeigefinger der Weimarer Demokratie, der scharfzüngige Chronist einer Epoche, der heute noch so aktuell ist: so haben wir ihn liebengelernt, verehrten ihn auf den Altären unserer aufrechten Gesinnung. Ich auch.

An meine erste Begegnung mit den Schriften Tucholskys kann ich mich noch gut erinnern. Damals, Anfang der Siebziger, quälte ich mich durch Marx und Marcuse, Pflichtlektüre fast einer ganzen Generation. Zur Erholung las ich Hesse und Hölderlin. Ein Freund, der die Lektüre dieser «dekadent-bürgerlichen Schriftsteller für pubertierende Jünglinge» heftig kritisierte, legte mir eines Tages einen Band Tucholsky auf den Tisch. Mir ging es ähnlich wie diesem bei der Lektüre Schopenhauers: Es war, als hätte jemand das Fenster aufgemacht. Da schrieb einer mit Witz und Wut im Bauch, und was wir in langen, mühsam-quälenden Diskussionen doch nicht begriffen, Tucholsky hatte es mit wenigen Strichen «auf den Punkt» gebracht. Plötzlich verstand ich ohne Mühe Zusammenhänge» Tucholsky hatte es ja alles schon gesagt. Zu jeder Lebenslage', zu jedem Problem gab es ein passendes Tucholsky-Zitat. Klassenjustiz, Militarismus, Demokratiedefizite, zu allen aktuellen Entwicklungen fand ich Erklärungen. (...)

Seine Buchbesprechungen brachten mir manchen Schriftsteller nahe, den ich sonst vielleicht nie gelesen hätte. Eine kleine Genugtuung empfand ich beim Lesen der sehr positiven Einschätzung Hesses durch Tucholsky. Kurt Tucholsky war eine Autorität für mich geworden. Die wenigen Biographien, die es gab, bestätigten mein Bild von diesem einzigartigen, aufrechten Kämpfer.

Als ich Ende der Siebziger die Briefbände las, veränderte sich das Bild langsam. Ich merkte, dass ich bislang nur den politischen Schriftsteller wahrgenommen hatte, Mensch und Werk waren für mich zu einer imaginären Einheit verschmolzen. Ich las nun auch seine Texte anders, entdeckte erste Widersprüche, Kontinuitätsbrüche. Leise Zweifel am vorherrschenden Tucholsky-Bild kamen auf. Aber meine Arbeiten über Konzentrationslager, über Albert Speer und dann über die NS-Sozialpolitik beanspruchten mich so, dass für gründlichere Nachprüfungen keine Zeit blieb. Als ich bei meinen Forschungsarbeiten über den Nationalsozialismus allerdings plötzlich in verschiedenen Archiven Dokumente über Tucholsky entdeckte, die bislang in keiner Arbeit über ihn aufgetaucht waren, war meine Neugierde endgültig geweckt. Die Tucholsky-Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin 1985/86 verstärkte die» noch, im Herbst 1986 stand dann für mich fest, dass eine neue Tucholsky-Biographie nötig wäre. 1988 erhielt ich schließlich ein Stipendium, das mir half, diese Biographie zu schreiben.

Zwei Jahre schienen mir eine ausreichende Zeit, denn noch ging ich davon aus, dass der größte Teil bereits erforscht sei, dass quasi nur die Ecken noch ausgeleuchtet, Ergänzungen und kleinere Korrekturen angebracht werden müssten. Ich dachte, dass ich «meinen Tucho» kannte. Nach einem Jahr war ich der Verzweiflung nahe. Wo ich konkrete Angaben und Daten erwartet hatte, fand ich Widersprüche, ich hatte den Eindruck, dass nichts mehr stimmte. Zu verschiedenen Ereignissen gab es gleich mehrere Daten zur Auswahl, Angaben über Personen aus seinem Umfeld entpuppten sich als falsch oder lückenhaft, zu einzelnen Bereichen seiner Biographie gab es so gut wie keine Unterlagen. Nach einigen freundschaftlichen Gesprächen mit Fritz J. Raddatz, dem Vorsitzenden der Kurt Tucholsky-Stiftung, bekam ich schließlich die Genehmigung, auch alle unveröffentlichten und von Frau Tucholsky gesperrten Materialien einzusehen, einschließlich ihrer Briefe und Tagebücher. Doch dadurch wurde das Bild nur noch unklarer, verwirrender.

Da trat mir plötzlich ein Seiltänzer entgegen, ein Verzagter vor dem nächsten Tag, ein Suchender und Zweifelnder, ein oft Verzweifelter, kurz: ein Mensch, kein Denkmal. Meine wissenschaftliche Distanz brach zusammen, je mehr ich über Tucholsky erfuhr, und es entwickelte sich ein sehr emotionales Verhältnis.

Je mehr ich mich aber dem Tucholsky hinter dem offiziellen Bild näherte, desto mehr entzog er sich. Kaum meinte ich, ein biographisches Detail geklärt zu haben, war auch schon wieder das Gegenteil möglich. Je mehr Dokumente ich fand, desto widersprüchlicher wurde das Bild. Wie in einem Zerrspiegel bildeten sich die unterschiedlichsten Formen: verschwommen, verzerrt, zerrissen. Vexierbilder eines Lebens. Schnell merkte ich, dass mehr als eine Annäherung an eine Biographie nicht zu erreichen sei. Alles andere scheint mir auch heute noch vermessen.

Ich sammelte alles, was ich von oder über Tucholsky finden konnte. In Antiquariaten stöberte ich nach Büchern, die er besprochen hatte; dass ich alle seine Bücher in den Originalausgaben kaufte, war selbstverständlich; durch Zufall konnte ich noch die Totenmaske Tucholskys, die einst bei seiner Zürcher Freundin Hedwig Müller hing, kaufen, kurz bevor sie versteigert werden sollte; zum vierzigsten Geburtstag bekam ich dann auch noch einen seiner leinenüberzogenen Zettelkästen mit seinem Monogramm «K. Tu.» geschenkt. Viele Wochen verbrachte ich in Archiven, suchte auch noch in den entlegensten Aktenbeständen, immer in der Hoffnung, verloren geglaubtes Material zu finden. Manchmal waren die Wege irrwitzig und verschlungen: Prozessakten aus München waren im NSDAP-Hauptarchiv gelandet, von dort kamen sie nach dem Krieg aber nicht in den entsprechenden Bestand, sondern ich fand sie im amerikanischen Document Center in Berlin; Beobachtungsakten aus der Weimarer Zeit tauchten in den Akten der «Deutschen Arbeitsfront» auf: es war eine aufregende Detektivarbeit. Aber die offenbar von der Gestapo angelegte zentrale Akte über Tucholsky konnte ich bislang leider nicht finden. Ebenso schwierig war es, die Nachlässe der Wegbegleiter Tucholskys aufzuspüren. Der Krieg hat auch hier eine breite Zerstörungsspur hinterlassen. Was gerettet wurde, ist dann manchmal von den Erben weggeworfen worden. So hatte ich nach über einjähriger Suche endlich die Adressen der Erben von Emil Jannings und Gussy Holl, nur um zu erfahren« dass fast alles «auf einer großen Rutsche vom Dachboden in Abfallcontainer gewandert war. Lediglich einige wenige Briefe Tucholskys entgingen dieser «Entrümpelungsaktion». (...)

Inzwischen hat sich mein Verhältnis zu Tucholsky geändert. Gerade dadurch, dass er Ecken und Kanten zeigte, dass er eben nicht ein stromlinienförmiger linker «Heuiger» war, wurde er mir immer sympathischer. Denkmäler verstellen nur den Zugang zu .Werk und Person. Sie sind zwar bequem, weil man sich die Auseinandersetzung ersparen kann. Gleichzeitig nimmt man die Person auf dem Sockel aber auch nickt ernst, verweigert ihr das Leben. Wenn wir Tucholsky endlich die Dimension des Menschlichen zurückgeben, die sein Werk auszeichnet, können wir uns vielleicht ein Stuck weit in ihm wiederfinden mit unseren Ängsten, Sorgen, Problemen. Kurt Tucholsky, ein Mensch und grandioser Schriftsteller, der gerade durch seine Stärken und Fehler glaubhaft ist und der dadurch uns und der jüngeren Generation in diesen schwierigen Zeiten wieder etwas zu sagen hat.

Tucholskys Pseudonyme

Um Tucholskys Pseudonyme zu charakterisieren lässt man am besten ihn selbst sprechen. Im Vorwort zu einer Sammlung von Aufsätzen und Schriften, die 1928 bei Rowohlt unter dem Titel: "Mit 5 PS" erscheint schreibt er:
"Wir sind fünf Finger an einer Hand. Der auf dem Titelblatt und: Ignaz Wrobel. Theobald Tiger. Peter Panter. Kaspar Hauser. Aus dem Dunkel sind diese Pseudonyme aufgetaucht, als Spiel gedacht, als Spiel erfunden - das war damals, als meine ersten Arbeiten in der "Weltbühne" standen. Eine kleine Wochenschrift mag nicht viermal denselben Mann in seiner Nummer haben, und so entstanden, zum Spaß, diese Homunkuli. Sie sahen sich gedruckt, noch purzelten sie durcheinander; schon setzten sie sich zurecht, wurden sicherer, sehr sicher, kühn - da führten sie ihr eigenes Dasein... Und es war auch nützlich, fünfmal vorhanden zu sein - denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? dem Satiriker Ernst? dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer lustige Verse? Humor diskreditiert. Wir wollten uns nicht diskreditieren lassen und taten jeder seins. Ich sah mit ihren Augen, und ich sah sie alle fünf; Wrobel, einen essigsaueren, bebrillten, blaurasierten Kerl, in der Nähe eines Buckels und roter Haare; Panter, einen beweglichen, kugelrunden, kleinen Mann; Tiger sang nur Verse, waren keine da, schlief er - und nach dem Kriege schlug noch Kaspar Hauser die Augen auf, sah in die Welt und verstand sie nicht. Eine Fehde zwischen ihnen wäre durchaus möglich. Sie dauert schon siebenunddreißig Jahre."

Die Namen hatte Tucholsky mehr oder weniger zufällig gewählt. Wrobel hieß der Verfasser eines Rechenbuches mit dem der junge Kurt sich herumschlagen musste. Theobald Tiger und Peter Panter waren Erfindungen eines Dozenten an der juristischen Fakultät der damit fiktive Kontrahenten in einem Zivilprozess benannte. Nur Kaspar Hauser ist sehr bewusst gewählt. Der Name dieses Nürnberger Findelkindes aus dem vorigen Jahrhundert steht für den, "der in die Welt sah und sie nicht verstand." Die Arbeitsteilung war also zufällig entstanden, weil in der Weltbühne nicht alle Artikel mit demselben Klarnamen gezeichnet werden sollten.

Später stellte sich die Arbeitsteilung als praktisch heraus, Peter Panter war für Buchrezensionen und Theaterkritiken zuständig und schrieb Feuilletons in der "Weltbühne". Theobald Tiger schrieb nur in Versen und zwar als Kommentar zu Tagesereignissen und Zeiterscheinungen. Dies konnte ein Chanson fürs Kabarett sein oder ein gereimter Leitartikel. Ignaz Wrobel war politischer Kommentator, ein bissiger, satirischer Kritiker. Kaspar Hauser war ein etwas nachsichtigerer Kritiker, der die Welt eher melancholisch sah. Er, der auch andere Menschen gerne mit selbsterfundenen Namenansprache, sah durchaus auch die Risiken dieser Praxis:
„Pseudonyme sind wie kleine Menschen; es ist gefährlich, Namen zu erfinden, sich für jemand anders auszugeben, Namen anzulegen - ein Name lebt und was als Spielerei begonnen, endet als heitere Schizophrenie. Ich mag uns gern."

 

Tucholskys Kampf gegen die Nazis

n der Person Kurt Tucholskys bündelt sich geradezu das, was das Feindbild der Nazis ausmachte: Er war Jude, linker Demokrat, Intellektueller, ein intelligenter und aufrichtiger Mensch, weltläufig, mit Weitblick und kritisch vor allem dem gegenüber, was in seiner Heimat geschah. Genauso stellten die Nazis wohl die Quintessenz dessen dar, was KT verabscheute, verachtete und bekämpfte. Folgerichtig gehörte KT auch zu jenen Autoren, deren Werke nach der Machtergreifung der Nazis als erste verboten und am 10. Mai 1933 verbrannt wurden und die im August 33 ausgebürgert wurden. Die Machtergreifung der Nazis erlebt Tucholsky in Paris, wo er von 1924 bis 1928 lebt. Akustische Bekanntschaft mit Hitler und anderen Nazigrößen macht er durch das Radio. Er schreibt darüber an Walter Hasenclever:
"...Das war sehr merkwürdig. Also erst Göring, ein böses, altes
blutrünstiges Weib, das kreischte und die Leute richtig zum
Mord aufstachelte. Sehr erschreckend und ekelhaft. Dann Göbbels
mit den leuchtenden Augen, der zum Volk sprach, dann Heil und
Gebrüll, Kommandos und Musik, riesige Pause, der Führer hat
das Wort. Immerhin, da sollte nun also der sprechen, welcher...
ich ging ein paar Meter vom Apparat weg und ich gestehe, ich
hörte mit dem ganzen Körper hin. Und dann geschah etwas sehr
Merkwürdiges. Dann war nämlich gar nichts. Die Stimme ist nicht gar so
unsympathisch wie man denken sollte - sie riecht nur etwas nach
Hosenboden, nach Mann, unappetitlich, aber sonst geht's. Manchmal
überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst: nichts, nichts,
nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht,
ich bin doch schließlich viel zu sehr Artist, um nicht noch
selbst in solchen Burschen das Künstlerische zu bewundern, wenn
es da wäre. Nichts. Kein Humor, keine Wärme, kein Feuer, nichts.
Er sagt auch nichts als die dümmsten Banalitäten, Konklusionen,
die gar keine sind - nichts.
Ceterum censeo: ich habe damit nichts zu tun."

Tatsächlich war es so, dass er für die abgrundtiefe Banalität und Dummheit der Nazis nur eiskalte Verachtung übrig hatte. Er äußerte einmal Satire könne gar nicht so tief schießen um diese Leute zu treffen. Trotzdem verkannte er die Gefährlichkeit der Nazis nicht und auch nicht deren Entschlossenheit alle Macht an sich zu reißen und auf das Recht keine Rücksicht zu nehmen. Als sein Bruder Fritz sein Amt verliert und nach Prag fliehen muss schreibt er an Kurt und deutet an, dass man eigentlich gegen solch einen Rechtsbruch klagen müsse. Fritz unterliegt der Illusion, der sich viele Juden und Demokraten im Deutschland jener Zeit hingaben, dass nämlich die Nazis noch einen Funken Legalität wahren würden und dass nicht alles so schlimm kommen würde. Kurt schreibt seinem Bruder illusionslos zurück:
"Schadenersatzforderungen haben keine Aussicht: übrigens fände
ich es leicht komisch, wenn zum Beispiel ich das täte. Ist mir
Unrecht geschehen? Krieg ist Krieg - ich halte alle Maßnahmen,
die gegen mich gerichtet sind für revolutionär erlaubt. Es ist
nur schade, dass wir sie nicht angewandt haben."


Sein vergeblicher Kampf gegen die Nazis, die Tatsache, dass diese in Deutschland die Macht ergreifen konnten und dass das Ausland auch nichts gegen Hitler unternahm, trugen sicher wesentlich dazu bei, dass er resignierte, in seinen letzten Lebensjahren nichts mehr veröffentlichte (er durfte nichts mehr veröffentlichen) und sich schließlich das Leben nahm.

Tucholsky und die Justiz

Tucholsky war selbst Jurist. Er hatte Jura nicht nur an der Berliner Universität studiert, sondern ein Semester lang auch in Genf. Bereits im Studium war er aber ein unbequemer Kritiker des Justizsystems. Er bemängelte die praxisferne Ausbildung des Studenten, der sich mit römischem oder germanischem Recht herumzuschlagen hatten, von der Realität ihres Staates jedoch keine Ahnung hätten. Vor allem aber galt seine Kritik der Gesinnung und Haltung der Juristen seiner Zeit. Es war die Zeit der Weimarer Republik, und was für das Militär galt, dass es zutiefst antidemokratisch und reaktionär war, das galt für die Justiz zumindest im gleichen Maße. Ignaz Wrobel veröffentlicht dazu 1921 dazu authentisches Material. Demnach wurden von rechtsextremen Gruppen 314 Morde verübt, darunter an so bekannten Sozialisten wie Rosa Luxemburg ,Karl Liebknecht und Kurt Eisner, aber auch an bürgerlichen Politikern, die sich zur Demokratie bekannten wie Matthias Erzberger und Walter Rathenau. Für diese Morde wurden 31 Jahre und zwei Monate Freiheitsstrafe verhängt, sowie einmal lebenslange Festungshaft (eine damals übliche "ehrenvolle" Haftstrafe unter leichteren Bedingungen) von der aber nur wenige Jahre verbüßt wurden. Dem stehen 13 Morde, begangen von Linksextremisten gegenüber für welche deutsche Gerichte acht mal die Todesstrafe verhängten sowie Freiheitsstrafen von 176 Jahren und zehn Monaten. Diese Justiz war nicht nur "auf dem rechten Auge blind" wie es sicher richtig heißt, sie war darüber hinaus eine reine Willkür- und Klassenjustiz. Diese Justiz hat KT auf das leidenschaftlichste bekämpft. Als Beispiel mag sein Appell an die Republik gelten, verfasst von Theobald Tiger anlässlich des Mordes an Rathenau.

"Steh einmal auf! Schlag mit der Faust darein!
Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein!
Heraus mit deinem Monarchistenrichter,
mit Offizieren - und mit dem Gelichter,
das von dir lebt, und das dich sabotiert,
an deine Häuser Hakenkreuze schmiert.
Schlag du in Stücke die Geheimverbände!
Bind Ludendorff und Escherich die Hände!

Lass dich nicht von der Reichswehr höhnen!
Sie muss sich an die Republik gewöhnen.
Schlag zu! Schlag zu! Pack sie gehörig an!
Sie kneifen alle. Denn da ist kein Mann.
Da sind nur Heckenschützen. Pack sie fest -
dein Haus verbrennt, wenn du´s jetzt glimmen lässt.
Zerreiß die Paragraphenschlingen.
Fall nicht darein. Es muss gelingen!
Vier Jahre Mord - das sind, weiß Gott, genug.
Du stehst vor deinem letzten Atemzug.
Zeig, was du bist. Halt mit dir selbst Gericht.
Stirb oder kämpfe. Drittes gibt es nicht."

Erneut beeindruckt, neben der Leidenschaft mit der KT gegen die Reaktionäre in der Justiz und beim Militär angeht, der Weitblick dieses Mannes, der das Ende dieser Republik kommen sah, die eben nicht bereit war, für Demokratie zu kämpfen.

Er selbst hatte sich auch ganz persönlich mit der deutschen Justiz herumzuschlagen, wurden doch zahlreiche Prozesse gegen ihn geführt, wegen seiner engagierten Artikel. Mal lautete die Anklage auf Gotteslästerung, mal auf Beleidigung oder Verunglimpfung.

Noch in einem weiteren Zusammenhang setzte er sich mit der Justiz auseinander, nicht nur mit der deutschen - in seinem Kampf gegen die Todesstrafe. 1927 protestierte er in einem offenen Brief an den amerikanischen Botschafter gegen die Hinrichtung der beiden italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti, die wegen eines angeblichen Attentats in Boston zu Tode verurteilt wurden. Als auch in Deutschland ein derartiger Justizirrtum aufgedeckt wird, äußert er sich in seinem Artikel: "Eine leere Zelle" in dem er den Vater eines ermordeten Kindes zu Wort kommen lässt.

Er schließt mit:
"Sie haben mich nicht einmal gerächt. Meinen niedrigsten Instinkt
zu befriedigen und sinnlos zu befriedigen... mir vielleicht noch
einen Parkettplatz anzubieten, wenn er seinen Kopf in den Sack
spuckt - was soll das? Ich mag es gar nicht sehen. Es ist etwas
Unwiderrufliches durch ihn geschehen; ein Teil meiner selbst
ist dahin - und nichts ist dadurch erreicht, als dass ein neuer
Mord vollbracht wurde, mit allen Schrecken des ersten."

Tucholsky im Krieg

aus Helga Bemmann: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild

Einberufung als Schipper

Kurt Tucholskys Phantasien über den Krieg wollte er in ein Buch fassen. Dieses Buch wurde nie geschrieben, da er ab dem 1. August 1914 selbst Erfahrungen im Krieg sammeln konnte.

Anfang März 1915 wurde Kurt zur Musterung zur Feststellung seiner Militärstauglichkeit geladen. Bei der Musterung traf er seinen alten Freund Hans Schönlank. Beide wollten nicht in den Krieg, weil es ihnen nicht zusagte den Dienst an der Waffe zu schieben und versuchten ihre Gesundheit kurzzeitig mit Hilfe von starken Zigaretten zu beeinträchtigen. Dieser Versuch blieb jedoch erfolglos. Kurt Tucholsky wurde zum diensttauglichen Landsturm ohne Waffe erklärt und wurde am 10. April 1915 eingezogen.

Er wurde in die Russische Tiefebene beordert. Dort traf er armselige Verhältnisse an, denn er musste mit seinen Kameraden auf harten Böden in einer Art Stall übernachten und das dortige Umfeld war in einem erbärmlichen Zustand.

Seine Aufgabe bestand darin, zerstörte Festungen wieder aufzubauen und Straßen zu errichten die im Gefecht zerstört wurden. Zu dieser Zeit war die Belastung sehr hoch, da es harte Arbeit war, die Kurt Tucholsky und seine Kameraden verrichten mussten.

Kurt Tucholsky hatte Anpassungsschwierigkeiten, denn er hatte das Gefühl einer Deklassierung, da er von ausrangierten Offizieren befehligt wurde und das gefiel ihm nicht.

Nach geraumer Zeit war er nicht mehr Schipper, sondern Schreiber beim Kompaniestab.

Das ganze Jahr befand sich Tucholsky und seine Truppe auf dem Marsch. Sie hatten während dieser Zeit kaum Kontakt zur Zivilbevölkerung. Sie bauten Unterstände und Schützengräben, Feldbefestigungen und Stabsquartiere oft im feindlichen Feuer und meist in der Nacht.

Erlebnisse als Kompanieschreiber

Im Sommer 1915 war eine verhältnismäßig ruhige Zeit nach dem Abflauen der Gefechte.

Im ersten Jahr des Krieges waren kleine Aufzeichnungen und die persönliche Korrespondenz das Einzige, was er neben dem dienstlichen Schreibkram für sich auf der Maschine tippen konnte.

Er empfing Informationen von seiner Schwester in Form von Briefen. Sie unterrichtete ihn auch über seinen Bruder, der auch als Schipper an einem anderen Ort stationiert war.

Tucholsky bekam bei dieser Station eine Waffe, die er aber nicht einsetzen wollte, weil er keinen Russen damit „erschrecken“ wollte.

Im September 1915 musste Tucholsky seine Berichte mit der Hand schreiben, weil die Schreibmaschine kaputt war. Er wurde daraufhin aus der Schreibstube geworfen, aufgrund seiner unleserlichen Schrift.

Er erntete Kritik von den Offizieren über seine Berichte über den Krieg, die alles andere als gut waren und dies missfiel den Offizieren.

Die Kritik über ihn begann von dieser Zeit an und begleitete ihn noch über viele Jahre, wegen kleinerer Delikte, die ihm aber von einigen Offizieren übel genommen wurden. Später sagte Tucholsky einmal: „Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Krieg gedrückt, wo ich nur konnte- und ich bedaure, dass ich nicht, wie der große Karl Liebknecht, den Mut aufgebracht habe, nein zu sagen und den Heeresdienst zu verweigern. Dessen schäme ich mich.“

Im Herbst 1915 wurde Tucholskys Einheit wieder zum direkten Einsatz an der Front herangezogen. Elf Monate blieb seine Truppe ununterbrochen im Einsatz.

Das Jahr 1916 brachte eine Wendung in seinem Dasein. Er wurde im Herbst mit seiner Kompanie abkommandiert. Sie sollten für die Artilleriefliegerschule einen Flugplatz errichten. Kurt Tucholsky wurde als Schreiber zum Stab der Fliegerschule abkommandiert.

An der Fliegerschule Alt Autz im Kurland

Kurt Tucholsky war zunächst beim Stabschef der Schule tätig, alsbald aber avancierte er zum Bürochef beim Stab.

Infolge seiner Fähigkeiten rückte er zum Unteroffizier auf, nebenher war er mit der Verwaltung der Leihbibliothek beauftragt und verantwortlich für den Betrieb einer kleinen Druckerei.

Kurt Tucholsky machte sich Gedanken, wie es nach dem Krieg in Deutschland weitergehen solle. Er kann keinen Sinn im Töten von Menschen erkennen, da einige russische Spione während seines Aufenthaltes hingerichtet wurden.

Tucholsky dachte seit zwei Jahren darüber nach, nach Schweden auszuwandern. Es lässt sich nicht sagen, ob solche Äußerungen bereits ernsthafte Überlegungen waren oder nur emotionale Reaktionen auf das Kriegserlebnis und die durch den Krieg auch für ihn eingetretene Zerstörung seiner beruflichen Zukunft, die er gerade aufzubauen begonnen hatte.

Bei den Fliegern hatte Tucholsky weit mehr Arbeit zu leisten, als bei der vorherigen Kompanie.

Kurt Tucholsky arbeitete bei der Feldzeitung „Flieger“. Ihm gefiel die Arbeit im Verlag immer weniger, da er seiner Meinung nach mit seinen Vorgesetzten nicht vernünftig arbeiten konnte.

Auf der anderen Seite gewährte ihm das Blatt ein beachtliches Maß an Freizügigkeiten, er konnte umherreisen und über seine Zeit disponieren, was ihm im Rahmen der Verhältnisse eine gewisse Unabhängigkeit verschaffte.

Tucholsky hatte sich nun dem Militärbetrieb voll angepasst, da er ein gutes Verhältnis zu Oberleutnant Bode hatte, der ihm einiges in seinem Militärleben auf dieser Station erleichterte.

Im September 1917 wurde er dort zum Unteroffizier befördert.

An der Fliegerschule trafen eines Tages zweihundert Helferinnen ein und Tucholsky lernte dort Mary Gerold schätzen und lieben.

Kurze Zeit später bekam er Urlaub.

Nach dem Krieg nahm er seine Arbeit als Chefredakteur wieder auf.

 


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