Tucholsky als Journalist

aus Helga Bemmann: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild

Tucholsky beim Ulk

Im Dezember 1918 fing Tucholsky beim Mosse-Verlag, als Redakteur des Ulk, an. Der Ulk, für den er verantwortlich war, wurde im Berliner Tageblatt und der Berliner Volkszeitung veröffentlicht. Dadurch bot sich ihm ein großes Publikum, da die beiden Zeitungen zusammen eine Viertelmillion starke Leserschaft hatten. Tucholsky wollte mit den Kriegswitzen und dem Durchhaltehumor schlußmachen, und den Ruf des Jüdisch- demokratischen Ulk wiederherstellen.

Dies erwies sich jedoch als schwierig da er keine Grundlagen hatte und alles neu konzipieren, beschaffen und schreiben musste. Zudem musste er seine Tendenz zur scharfen Satire einschränken. Er glaubte dies jedoch ertragen zu können, da seine Arbeit für die Weltbühne weiterlief und lediglich sein Pseudonym, Theobold Tiger, an den Verlag gebunden war.

Bei den ersten Ausgaben veränderte er die äußere Form und aus den Spalten des Ulk verschwand die humorfremde Pathetik. Er wurde mit der Zeit immer respektloser gegenüber den so genannten ewigen Werten. Dieser Sinn für Humor gefiel den Lesern. Tucholsky orientierte sich bei seiner Arbeit an Satirischen Zeitungen mit denen er seit seiner Jugend vertraut war.

Die journalistische Qualität des Ulk war in den ersten Monaten recht unterschiedlich. Dafür waren die inhaltlichen Schwerpunkte stabil: Karikierung des revolutionsfernen Spießers, Bloßstellung des Militarismus preußisch-deutscher Prägung und seines Versagens in der gerade zu Ende gegangenen großen Zeit, Kritik an den neu formierten bürgerlichen Parteien und deren Palaver, aber auch Mahnung, sich bei Massenaktionen, Streiks und Aufmärschen möglichst zu mäßigen.

Die Kritik an revolutionären Massenaktionen, die man als störend und schädigend für die Ordnung im Staat und den Wiederaufbau sah, war Teil der offiziellen Pressepolitik. Diese übernahm Tucholsky, um sich mit den Fronten vertraut zu machen.

Als radikaler Demokrat konnte er, weder bei den linken noch den rechten Parteien, konstruktive Ansätze für eine wirklich Demokratische Republik finden. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass er in der Anfangszeit im Ulk, über rechts und links gleichermaßen Satiren schrieb die nebeneinander standen.

Tucholsky veröffentlichte auch anonym Arbeiten von ihm, hauptsächlich satirische Kurztexte, die dem Blatt Leben und Farbe gaben. Für die Witz- und Humorseite dachte er sich immer wieder etwas Neues aus, wie Guckkastenbilder, Bildgeschichten oder er gab erfundenen und tatsächlichen Personen ulkende Antworten von ihm, wie er es von der Schaubühne her kannte. Er kritisierte in seinen Texten die Stützen der Monarchie, Generalstäbler, Deutschnationale und die Alldeutschen. Er bringt dabei auch Geschichten wieder, die er während seiner Militärzeit erlebt hat.

Je mehr sich sein Blick schärfte, desto mehr fühlte er sich in seiner Stellung eingeengt. Durch die Rücksicht, die er auf das Mossehaus nehmen musste, fielen alle Themen, die für ihn Satire waren, aus.

Durch manche kritischen Verse, Witze und Karikaturen, handelte er sich dennoch Ärger ein. Die Angriffe kamen von allen Seiten. Von der Seite, die die Monarchie als gottgewollte Ordnung sah sowie von den Rechtsextremisten, die ihn als jüdischen Zersetzer des deutschen Volkes beschimpften. Er wurde auch in mehreren Zeitungen als Beispiel von den Rechten aufgeführt, wie die Juden den Antisemitismus selbst provozieren. Die Gebrüder Sklarz erstatteten sogar Anzeige, weil in einem Gedicht von Tucholsky die Zeilen standen: "Es klebt die Konnexion wie Harz ( Es reimt sich hierauf Brüder Sklarz).

Der Verlag des Berliner Tageblatts sah solche Prozesse nicht gerne, noch mochte man den scharfen Ton Tucholskys. Mosse musste Rücksicht auf potenzielle Wähler der DDP nehmen und auf die Regierung. Tucholsky machte es immer weniger Spaß "amputierte" Satiren zu schreiben, da es seiner künstlerischen Art und seiner eigenen Meinung nach nicht entsprach.

Auf das Gedicht "Der Altdeutsche singt", welches am 10. 10. 1919 erschien, erhielt Tucholsky einige Tage später ein Schreiben des Chefredakteurs vom Berliner Tageblatt. In diesem Schreiben wird er aufgefordert, den Ton im Ulk zu ändern, da er ihn für schädlich halte. Der Chefredakteur, Theodor Wolff, meint weiter, dass dieser Ton den Gegnern der Demokratie mehr nütze als den Befürwortern. Den Inhalt kritisierte er aber nicht.

1920 hatte Tucholsky genügend Politische Eindrücke sammeln können, um die Pressepolitik der Parteien zu durchschauen. Er begann sich an der Politik der unabhängigen Sozialdemokraten zu orientieren und er distanzierte sich vom Verlag. Er schrieb kaum noch neue Texte, sondern griff auf ältere von ihm zurück. Er kündigte seine Stellung als Chefredakteur des Ulk beim Mosse Verlag, welche ihm wirtschaftliche Sicherheit gab, und war mit dieser Entscheidung froh. Theodor Wolff bot ihm an, weiterhin das Leidgedicht für den Ulk zu schreiben. Tucholsky lehnte dieses jedoch ab, da es für ihn ein Widerspruch war, für einen Verlag zu schreiben, bei dem man gekündigt hat.

Nach Tucholskys Ausscheiden kehrte der Ulk, unter Wiener-Braunsberg, wieder zu seinen konventionellen Bahnen zurück. Unter Tucholsky jedoch hatte der Ulk eine nie da gewesene und nie zurück kehrende Beachtung gefunden. Der Ulk war noch nie so umstritten gewesen, noch nie hatten so viele junge und engagierte Künstler an ihm gearbeitet. Doch dieses war mit dem Gehen Tucholskys vorbei.

Tucholsky beim Berliner Tageblatt

Tucholsky befand sich noch in Rumänien als sein erster Text ( Parodie auf ein Fontane Gedicht) am 1.9. 1918 im Berliner Tageblatt erscheint. Aus Rumänien schickte er rund ein halbes Dutzend Arbeiten ans Berliner Tageblatt, bestimmt für das Feuilleton. Er nutzte Pseudonyme: Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel. Auch zu dieser Zeit genoss Tucholsky ein hohes literarisches Ansehen auch in anderen literarischen Bereichen. Insgesamt lieferte er fürs Berliner Tageblatt fünfzig Texte. Zu seinen bedeutsamsten Aufsätzen zählen die Betrachtungen über die Aufgabe der Satire, aber auch die Feuilletons mit autobiographischen Bezügen und Reflektionen. Seine Aufsätze warnen vor Anpassung, Konzessionen, Genügsamkeit. Tucholsky sah seine Aufsätze als Gedankenaustausch. Seine Mitarbeit beim Berliner Tageblatt endete 1920 aufgrund der Entfernung des Mosse Verlags von der Ausgangsposition. Tucholsky ging nach dieser Zeit entschieden nach links, dort ergaben sich neue publizistische Aufgaben und Möglichkeiten. Die Leser des Berliner Tageblatts bedauerten das Ausbleiben seiner Texte.

Tucholsky bei der Berliner Volkszeitung

Die Berliner Volkszeitung entsprach Tucholskys Überzeugung nach seiner Auffassung von sozialer Demokratie. Anfang des Jahres 1919 begann er für die Berliner Volkszeitung zu schreiben. Die Berliner Volkszeitung bestand zu dieser Zeit schon 70 Jahre. Unter dem Sozialistengesetz wurde sie ab und zu verboten. Zu den Redakteuren gehörte Franz Mehring ( Mitbegründer der KPD) und Georg Ledebour, jetzt einer der Führenden der USPD. Kurz nach dem ersten Auftreten Tucholskys, in der Berliner Volkszeitung hatte er eine breite Lesergemeinde.

Tucholsky schrieb Aufsätze für die Berliner Volkszeitung in den Jahren 1919- 1920. Seine Aufsätze (insgesamt 60 für die Berliner Volkszeitung) trugen den Charakter des Theobald Tigers und Ignaz Wrobesl, selten eines Peter Panters. Gelegentlich erschien auch etwas "von einem Berliner". Unter diesem Pseudonym sprach er Themen an, die er beim Ulk nicht behandeln konnte oder nicht aktuell genug für die Weltbühne waren. Tucholskys Themen stimmten mit denen von Carl von Ossietzky überein: Kampf gegen die Gefahr von rechts, die Warnung vor einem Putsch des Militärs und die Aufdeckung von Offiziersverbrechen im Kriege. Auch reagierte er schnell auf das Tagesgeschehen. Sein Arbeitsverhältnis endete 1920, als er für die unabhängigen Sozialdemokraten zu arbeiten begann.

Tags: Kurt Tucholsky, Ulk, Berliner Tageblatt, Berliner Volkszeitung, Theobald Tiger, Journalist


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